Christine Nöstlinger: Das Leben ist kein Kinderbuch

Christine Nöstlinger erzählt von ihren Wurzeln

(c) Lukas Beck, Quelle: Residenz Verlag
(c) Lukas Beck, Quelle: Residenz Verlag

Christine Nöstlinger ist eine Koriphäe der Kinder- und Jugendbuchregale. Weniger bekannt ist, dass sie auch für Erwachsene geschrieben hat: Glossen, Radio- und Fernsehdrehbücher. Im Residenz Verlag sind kürzlich ihre Erinnerungen erschienen. Glück ist was für Augenblicke heißt das Buch, das sich auch eher an Erwachsenene richtet. Denn die Nöstlinger gibt sich keiner Verklärung hin. Sie beschönigt nichts, sie hält mit ihrer zuweiligen eigenbrötlicherischen Grantelei nicht hinterm Berg - und sie wählt derbe Worte, um derbe Erfahrungen zu schildern. Christine Nöstlinger lässt keinen Zweifel: Das Leben ist kein Kinderbuch. Neben seinen schönen Seiten hält es auch dunkle Kapitel bereit. Selbst die ist Christine Nöstlinger bereit, in der Rückschau noch einmal durchzublättern.

Christine Nöstlinger

Glück ist was für Augenblicke

Erinnerungen

Erschienen im Residenz Verlag im Oktober 2013. 220 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 23,50 €.


Mit Überraschungen geizt Christine Nöstlinger nicht. Mit schönen und hässlichen, gewieften und kindlich-naiven Anekdoten verblüfft sie von Anfang  an. Die erste Überraschung wartet sogar noch vor der ersten Seite: Ausgerechnet die Vielschreiberin Christine Nöstlinger, immerhin Autorin von über einhundert Büchern, hat ihre Lebensgeschichte nicht wie gewohnt geschrieben. Nöstlingers Autobiografie ist das Resultat aufgezeichneter Gespräche. Das Buch leidet nicht darunter, im Gegenteil: Die erzählende Sprache ist lebendig und geradeaus. Die zweite Überraschung folgt auf dem Fuß: Dort, wo üblicherweise ein dröges Inhaltsverzeichnis leichthin überblättert wird, findet sich ein verspielter Ausblick von literarischer Qualität.  Jedes Kapitel ist in einer Minierzähling zusammengefasst, die einen Vorgeschmack auf die unverblümten Worte gibt, die diese Memoiren auszeichnen: 

Vom nicht sehr mutigen Großvater, von der bösen Großmutter und einer insgesamt eher merkwürdigen Sippe...

Geboren wird Christine Nöstlinger 1936 in einem Wiener Arbeiterviertel. Der Vater erzählt Geschichten, die die heranwachsende Kinderbuchautorin inspirieren. Später gesellen sich prominentere Geschichten- und Pointenerzähler dazu: Erich Kästner und Kurt Tucholsky.

Ich sah die Welt durch die Tucholsky-Brille. Und mehr als ein halbes Jahrhundert später glaube ich immer noch, dass das nicht die schlechteste Sehhilfe ist, egal ob es um Politik, Freundschaft oder Liebe geht.

Überhaupt vermitteln Christine Nöstlingers Erinnerungen die prägende Bedeutung ihrer Kindheit und Jugend – nicht nur in dem breiten Raum, den sie einnehmen. Bis zum Einstieg in die Schriftstellerei vergehen über 150 Seiten, die allerdings eindrucksvoll von einer vom Krieg geprägten Kindheit und einer entbehrungsreichen Jugend berichten. In vielen Anekdoten zeigt sich Nöstlinger als aufgeschlossenes, aber auch stures und eigensinniges Mädchen. Die kleine Christine trotzt - schon ganz die selbstbestimmte und grantelnde aber (gerade deshalb) charmante Nöstlinger - der Lehrerin und sogar dem geliebten Vater. In ihren Erinneringen beweist Christine Nöstlinger ein untrügliches Gespür für die kleinen Geschichten des Alltags, sei es im familiären Miteinander oder in absurden und skurrilen Erlebnissen. Sie berichtet künstlerisch wertvoll, aber recht unbeteiligt – fast so, als wenn sie aus einem Familiendrama erzählen würde, das sie als Buch gelesen oder als Film gesehen hat. Das wirkt umso stärker, als Nöstlinger nicht darauf verzichtet, auch die tragischsten Episoden ihrer eigenen Lebensgeschichte recht nüchtern zu erzählen. Der Tod ihres ersten Kindes ist so ein Beispiel, auch wenn dieses Ereignis nur weinge Zeilen einnimmt:

Das Kind starb kurz nach der Geburt, auf dem Weg von der Gersthofer Frauenklinik ins Kinderspital. Es hatte einen Herzfehler gehabt. Meine Mutter weinte. Wie es mir ging, kann ich nicht sagen, ich weiß nur noch, das ich das Gefühl hatte, versagt zu haben und bitter dachte: Okay, das kannst du also auch nicht!

In der Tat ist das Leben der jungen Nöstlinger reich an Brüchen: Sie geht studieren und bricht ab. Ihre erste Ehe wird alsbald wieder geschieden. Auch als Mutter - mittlerweile hat sie eine gesunde Tochter zur Welt gebracht - geht sie gerne weiter feiern. Erst nach der Geburt ihrer zweiten Tochter und der Hochzeit mit dem Nö (so nennt sie ihren Mann, weil sie dessen Namen Nöstlinger nicht mag) scheint sie häuslich zu werden. Aber der Standesbeamte, der die Namensänderung in den Pass einträgt, besorgt ihr ein Hallowach-Erlebnis:

Der Beamte strich nicht nur das 'Draxler' durch und ersetzte es durch das ungeliebte 'Nöstlinger'. Er zog auch einen dicken Linealstrich durch ‚Studentin‘ und schrieb in Schönschrift drunter ‚Hausfrau‘. Das war ein Schock! Am liebsten hätte ich den Pass in den nächsten Mistkübel geworfen. Eine Hausfrau hatte ich nie werden wollen und jetzt hatte ich es schriftlich dunkelblau auf rosa.

Ihre Ausflucht findet sie im Schreiben, das nach und nach mehr Zeit in ihrem Leben einnimmt. Der Durchbruch gelingt ihr mit der feuerroten Friederike, die noch zwischen Kochen und Putzen entstanden ist, als Christine Nöstlinger die kindliche Titelheldin  für ihre Tochter malt. Sie zeichnet gut und da es ihr nicht liegt, halbe Sachen zu machen, schreibt sie auch gleich den Text dazu. Das fertige Manuskript wird ohne Korrekturen veröffentlicht. Jetzt macht die Nöstlinger die Schriftstellerei zum Beruf. Sie schafft ein unglaubliches Arbeitspensum und schreibt sich als der Armut zu einigem Wohlstand.


Aus den selbstgemachten Möbeln werden gekaufte Wunschobjekte. Ihre Mutter hilft ihr im Haushalt und mit den Kindern. Später ist es Nöstlinger, die sich um ihre Mutter kümmert. Sie fährt täglich hin und erträgt die Eigenheiten der alternden Mutter mit Fassung. Wiederum bedient sich Christine Nöstlinger einer ehrlichen, aber nicht bitteren Sprache, um den Lebensabend ihrer Mutter zu schildern (später schildert sie eindringlich den Verfall ihres Mannes). Besonders diese Passage ist nicht nur für Pflegende lesenswert.

Fazit: Christine Nöstlingers Autobiografie ist weder eine verklärende Interpretationshilfe für ihre Lebensgeschichte, noch erklärt sie, warum es unausweichlich war, dass sie eine erfolgreiche Kinder- und Jugendbuchautorin geworden ist. Im Gegenteil: Christine Nöstlinger erzählt frank und frei aus ihrem (nicht immer leichten) Leben. Dabei gewährt sie tiefe Einblicke in eine zerfurchte Familiengeschichte. Es ist aber nicht die Lust am Drama, die die Leser bei Laune hält. Es ist die beeindruckende Authentizität und Souveränität, mit der Nöstlinger zurückblickt. Ihre Autobiografie hält Glück für manchen Lese-Augenblick bereit.

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