Arnulf Baring: Streit, Kultur, Deutschland

Arnulf Baring legt seine autobiografischen Notizen vor

Foto: Tohma (talk). Lizenziert unter GFDL
Foto: Tohma (talk). Lizenziert unter GFDL

"Der Unbequeme" ist ein seltsam entrückter Titel für ein Erinnerungsbuch. Nicht minder merkwürdig ist der Untertitel: "Autobiografische Notizen". Für Arnulf Barings Memoiren ist das allerdings treffend gewählt. Der streitbare und umstrittene politische Professor ist angenehm unbequem: Baring zeigt, was viele Politiker gerne zeigen würden: klare Kante. Seine Memoiren (erschienen im Europa Verlag Berlin) sind auch eher drei ineinander greifende autobiografische Fragmente: Notizen zu prägenden Kindheits- und Jugenderinnerungen, zur Revue seines wissenschaftlichen Lebenswerkes und zu gegenwartsbezogenen Schlussfolgerungen aus seinem über Jahrzehnte gereiften politischen Denken.

Arnulf Baring

Der Unbequeme

Autobiografische Notizen

Erschienen im Europa Verlag Berlin im November 2013. 400 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 21,90 €.


Die Art und Weise, in der Baring dieses politische Denken äußert (vor allem zu deutschen Fragen), hat dem mittlerweile über Achtzigjährigen seit geraumer Zeit das Image des Querulanten eingebracht: Einen "greisen und enthemmten Historiker" hat ihn die tageszeitung genannt und sich über seine zeternde und lautstarke Streitkultur geärgert. Dabei übersehen Barings Kritiker, dass er solche Provokationen gezielt setzt: Wer nicht rückhaltlos für offene, kontroverse Debatten eintritt, legt die Axt an die Wurzeln  unserer Demokratie. Baring belässt es nicht bei allgemeiner Schelte. Er bezieht konkret Stellung zu aktuellen politischen Fragen:

Die sture Verbissenheit beispielsweise, die die Regierung bei immer neuen Euro-Rettungsschirmen zeigt, und ihre zur Schau gestellte Selbstsicherheit finde ich beängstigend. Man spürt den schwankenden Boden, bemerkt erschrocken, mit welcher fast schon totalitären Attitüde Abweichler unter Druck gesetzt werden. Es ist unfassbar, wie arrogant die Regierung Merkel, aber auch alle anderen Parteien, freie Aussprachen des Parlaments in dieser Schicksalsfrage der Nation unterbinden.

Baring weiß um die Wirkung solcher drastischer Worte - aber er fürchtet sie nicht. Das mag zwei biografische Ursachen haben. Zum einen ist der Politikwissenschaftler Baring ein intimer Kenner des Innenlebens von Regierungen. Zum anderen hat er in den Bombennächten des Zweiten Weltkriegs ganz andere Ängste kennen- und überwinden gelernt. Die Erinnerungen an diese beiden Lebensabschnitte zählen zu den stärksten Passagen von Barings Memoiren, während seine politischen und zeitgeschichtlichen Ausführungen zur Misere des Euro, zum Sozialstaat und zur politischen Kultur den eher zusammenfassenden Charakter bereits geäußerter Standpunkte tragen.

Bundesarchiv, B 145 Bild-F038347-0030 / Schaack, Lothar / CC-BY-SA
Bundesarchiv, B 145 Bild-F038347-0030 / Schaack, Lothar / CC-BY-SA

In den Erinnerungen an die semibiografische Arbeit über Walter Scheel ("Machtwechsel"), die zu einer detaillierten Untersuchung der sozialliberalen Regierung unter Willy Brandt geraten ist, zeigt sich Baring als scharfsinniger Analytiker von Politik und Persönlichkeiten. Zahlreiche Protagonisten der Bonner Republik (freundlich gesinnte und andere) charakterisiert er in jeweils wenigen Worten. Dabei beschränkt er sich in seinen Memoiren nicht nur auf Politiker, sondern porträtiert auch Persönlichkeiten aus Gesellschaft und Kultur. Neben der kurzweiligen Zeitgeschichte der 1960er und 1970er Jahre sind sind es insbesondere die szenisch geschilderten Eindrücke aus dem brennenden Dresden vom Februar 1945 (Baring ist zwölf Jahre alt), deren Eindringlichkeit beeindruckt:

Bundesarchiv, Bild 183-08778-0001 / Hahn / CC-BY-SA
Bundesarchiv, Bild 183-08778-0001 / Hahn / CC-BY-SA

Es ist unvorstellbar, welch ein Sturm entsteht, wenn eine große Stadt brennt. [...] Wir konnten uns kaum auf den Beinen halten. Fest eingehakt, um nicht fortgerissen zu werden, kämpften wir uns Meter für Meter vorwärts, unsere Köfferchen mit Ausweispapieren und dem Nötigsten an die Brust gepresst. [...] Brennende Balken vielen von den Dächern, Schornssteine kippten auf die Straßen, Mauern zerbarsten. [...] Dies war der Moment, in dem ich nicht mehr an den Führer glaubte, dem ich bis dahin noch kindliches Vertrauen entgegengebracht hatte.

Dieses Erwachen aus der Endsiegerwartung prägt Barings politisches Denken. Zeitlebens wird er sich Fragen nach der richtigen Vergangenheitsbewältigung stellen. Seine Anworten sind ihm in den autobiografischen Notizen so wichtig, dass er sie bereits im ersten Kapitel zur Sprache bringt und später nochmals aufgreift. Man möge doch deutsche Geschichte nicht auf die Katastrophe des Dritten Reiches verkürzen. Damit kein falscher Eindruck entsteht: Baring beschönigt, verdrängt und leugnet nichts. Er will auch die Akten der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft nicht schließen - Aufklärung bleibt geboten. Aber der Umgang mit Hitler, so Baring, solle nicht länger von Selbsthass und Verdrängung des eigenen Leids geprägt sein. 

Es ist an der Zeit, unser beschädigtes Nationalgefühl zu überwinden und uns darauf zu besinnen, was uns in den besten Phasen unserer Geschichte ausgezeichnet hat: ein hohes, humanistisch geprägtes Bildungsbewusstsein, Innovationskraft, Unternehmergeist und die Wertschätzung freiheitlich-demokratischer Grundrechte. All das kann zu einem Patriotismus ohne Größenwahn und Großmannssucht beitragen.

Fazit: Der Unbequeme hat gesprochen. Selbst wenn man Barings Positionen nicht samt und sonders teilt, sind seine autobiografischen Notizen inspirierend. Sie verbinden klare und streitbare Analysen mit essayistischem Schwung. Dazu kommt, dass der "Professor für Plauderei" (so hat ihn seine Mutter genannt) wirklich etwas zu erzählen hat. Seine Erinnerungen sind ein wertvolles Stück deutscher Zeit- und Geistesgeschichte: spannende Lektüre nicht nur für Historiker und Politikwissenschaftler. 

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