Joachim Gauck: Vom Prediger zum Präsidenten

Mario Frank erzählt Joachim Gaucks Lebensgeschichte

Foto: Kleinschmidt / MSC. Lizenziert unter CC BY 3.0 de
Foto: Kleinschmidt / MSC. Lizenziert unter CC BY 3.0 de

Dieses Buch hat viele starke Seiten - und wenige schwache. "Gauck" heißt die neue Bundespräsidenten-Biografie von Mario Frank, die im Suhrkamp-Verlag erschienen ist. Der Autor kommt gleich zur Sache und gibt einen raschen Überblick über 400 kurzweilige und informative Seiten. Sehr früh offenbart er darin auch seine persönliche Wertschätzung und erschwert seinen Lesern ein eigenes Urteil. Joachim Gauck kann liebenswürdig und locker sein, aber auch aufbrausend aggressiv. Seine große Stärke ist die empathische Zuwendung zum Menschen. In der DDR und im Umgang mit der Stasi hat der ehemalige Pfarrer gelernt, Worte gleichermaßen bedächtig und wirksam zu wählen, um sich für seine Gemeindemitglieder stark zu machen. Als Stasiunterlagen-Beauftragter ist er zum Medienprofi gereift, der genau weiß, wie man sich in der Öffentlichkeit bewegt. Der Job als Staatsoberhaupt ist zwar anstrengend und zehrt an Konzentration und Kräften, aber einem wie Joachim Gauck ist er auf den Leib geschneidert. 

Mario Frank

Gauck

Eine Biografie

Erschienen bei Suhrkamp 414 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 19,95 €.


Franks sehr frühe und positive Gesamtbeurteilung kommt wie eine unerbetene Leseanleitung daher. Das wäre nicht nötig. Denn wer über die die ersten zwölf Seiten hinausliest, kann sich über eine solide recherchierte, stimmig bebilderte und kurzweilig erzählte Biografie freuen, die durchaus ein eigenes Urteil erlaubt. Aber die ersten Seiten nehmen nicht nur das Urteil des Biografen vorweg. Sie verraten auch manches über Mario Frank selbst: Er ist von Gaucks Persönlichkeit beeindruckt und bewundert ihn. Stolz schwingt mit – sogar ein kleines bisschen Eitelkeit – wenn er vorab davon berichtet, wie sich der Bundespräsident in zahlreichen Gesprächen nicht nur einbringt, sondern auch um die Gunst seines Biografen wirbt:

„Gauck ist trotz sichtbarer Terminnot und Zeitdrucks fast verzweifelt bemüht, mir jede Minute zu widmen, die ihm möglich ist. Nachdem er sich einmal entschieden hat mitzuwirken, tut er es nicht mit angezogener Handbremse.“

Wie zu Beginn nimmt sich Mario Frank auch gegen Ende seines 400-Seiten-Buches etwas zu wichtig. Unter Verweis auf das Grundgesetz und dessen Schutz der Ehe verurteilt er Gaucks Liebeslebensentwurf. Der ist nach wie vor mit seiner Frau verheiratet, obwohl schon lange eine andere Partnerin an seiner Seite auftritt. Ob Frank übersieht, dass das Grundgesetz auch dem Bundespräsidenten ein Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit einräumt?

Foto: Gge, Lizenz: CC-BY-3.0
Foto: Gge, Lizenz: CC-BY-3.0

Solche Anmaßungen schmälern den enormen Wert einer gut recherchierten, schmissig geschriebenen und überwiegend urteilssicheren Biografie. Entgegen mancher Kritik kommt sie keineswegs zu früh. Im Gegenteil. Sie korrigiert gekonnt das Bild eines Bundespräsidenten, der schon vor seiner ersten Kandidatur für das höchste Staatsamt teilweise idealisiert und überhöht worden ist. Mario Frank gelingt es, den Menschen hinter der medialen Figur „Gauck“ zu porträtieren – einen Menschen mit Widersprüchen und Fehlern. Er schildert beispielsweise anekdotisch, wie schwer sich Gauck seit Studientagen mit Formalien und Fristen tut. Seminararbeiten des Theologiestudenten tippt die Mutter, damit sie fertig werden, manche Reden des Bundespräsidenten erhalten den letzten Schliff von der ehemaligen Lebensgefährtin Helga Hirsch. Auch verschweigt Frank nicht, dass sich die Familie des  jugendlichen und coolen Pastors, der für seine Gemeinde immer ansprechbar ist, vernachlässigt fühlt. Der Beruf war „für ihn alles, die Familie kam weit danach.“

Besonders eindrucksvoll ist die Aufarbeitung der Dauerfehde zwischen dem Rostocker Pastor Joachim Gauck und der Stasi. Der DDR-Experte Mario Frank schildert die gegenseitigen Provokationen, erläutert die Machtspiele im institutionalisierten Gegeneinander von Staat und Kirche, konfrontiert Gauck mit Kommentaren in dessen Stasi-Akte und kommt zu einem differenzierten Gesamturteil:

Joachim Gauck gehörte zum Lager der staatskritischen Pastoren und trat dem Staat gegenüber deutlich gegnerischer auf als die meisten seiner Rostocker Amtsbrüder. Er nutzte den Freiraum, den er als Mann der Kirche genoss, aus bis an seine Grenzen. […] Seine Bereitschaft zum Widerstand endete dort, wo die persönliche Gefährdung begann. Ein Revolutionär, der bereit war, für seine politische Überzeugung ins Gefängnis zu gehen, war Gauck nicht.“

Als sich die Grenze verschiebt, die zur Verhaftung führt, geht auch Gauck weiter. In der Wendezeit wächst er in die Rolle des Revolutionspastors hinein, der von der Kanzel den Unterdrückungsapparat des DDR-Regimes geißelt.

Als Joachim Gauck zum Akteur der Revolution wird, bringt er eine Waffe mit, die er beherrscht wie kein Zweiter in Rostock: seine Wortmacht. Auf der Kanzel ist er mitreißend, ja geradezu unwiderstehlich.

Sein rhetorisches Geschick und seine inspirierenden Reden geben Hoffnung und Mut. Je größer Gaucks Publikum wird, desto klarer kristallisiert sich seine politische Nachwendekarriere heraus. Seine Überzeugungskraft entfaltet nicht nur persönliche, sondern auch politische Wirkung. Als harter Verhandlungspartner im Wiedervereinigungsprozess und durch den Aufbau der Stasiunterlagen-Behörde macht sich Gauck auch im Westen einen Namen, der mittlerweile zur Marke geworden ist. „Gauck“ eben.

Fazit: Das Amt des Bundespräsidenten ist aus gutem historischen Grund mit vergleichsweise geringen verfassungsrechtlichen Kompetenzen ausgestattet. Umso wichtiger ist es, dass die Amtsinhaber Würde ausstrahlen und wortmächtig sind. Mario Frank erklärt, warum Joachim Gauck beide Eigenschaften mitbringt, indem er seinen bewegenden Werdegang kurzweilig und informativ nachzeichnet. Dabei ist es eine wesentliche Leistung dieser Biografie, Gauck vom Sockel der Ikone zu holen, ohne ein positives Gesamtbild zu gefährden. Allerdings nimmt sich der Autor in manchem Urteil zu wichtig, was den Gesamteindruck etwas schmälert.

 

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