Wilhelm I.: Der alte Kaiser Wilhelm

Anton von Werner: Die Kaiserproklamation, Lizenz: gemeinfrei
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Am Anfang war das große Säbelrasseln: Am 18. Januar 1871 rufen die deutschen Fürsten im Spiegelsaal von Versailles den preußischen König Wilhelm I. zum Deutschen Kaiser aus. Der Erwählte sträubt sich bis zuletzt. Für ihn war, ist und bleibt Preußen das Maß aller Dinge. Nur widerwillig  fügt er sich in die Nationalstaatspläne seines Eisernen Kanzlers: Otto von Bismarck hatte sich das Deutsche Reich in drei Kriegen (gegen Dänemark, Österreich und Frankreich) und mit diplomatischem Geschick auf den Leib geschmiedet. Doch jeder Leib ist vergänglich. Seinen (weniger fähigen) Nachfolgern hat Bismarck einen Staat hinterlassen, der viel auf sein Militär hält. Dieses Klima begünstigt die Kriegsbegeisterung, in der wenige Jahrzehnte später ganz Europa seiner Katastrophe entgegenmarschiert.

Lizenz: Gemeinfrei
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Wilhelms Lebensgeschichte lässt das lange nicht erwarten. Sie beginnt 1797 gewissermaßen auf der Flucht vor Napoleon, der sich anschickt, Europa zu überrennen. Die Hohenzollern ducken sich im östlichsten Zipfel ihres Königsreichs weg. Auch als die Franzosen mit vereinten europäischen Kräften bezwungen sind und Preußen wieder von Berlin aus regiert wird, bleibt Wilhelm unscheinbar. Er ist als jüngerer Bruder nur die Nummer Zwei der Thronfolge. Sehr zur Freude seines Vaters begeistert sich schon der kleine Wilhelm für die preußischen Soldaten. Als Neunjähriger tritt er in die Armee ein, zum zehnten Geburtstag schenkt man ihm die Beförderung zum Leutnant. "Wilhelm findet vollen Genuss an den militärischen Übungen", berichtet sein Ausbilder. Die Schulbank drückt er indes nur ungern.

Noch einmal muss Wilhelm fliehen - diesmal nicht vor Napoleon, sondern vor der Revolution von 1848. Sein Bruder Friedrich Wilhelm IV. kann die Macht der Monarchie nur retten, weil die Revolutionäre lieber untereinander streiten, als mit der Krone. Seinen eigenen Kopf verliert er allerdings - wenn auch nicht unter der Guillotine: Friedrich Wilhelm IV. fällt geistiger Umnachtung zum Opfer. 1861 übernimmt Wilhelm die Regierungsgeschäfte. Das heißt: Die politischen Zügel überlässt er Bismarck, den Oberbefehl und den monarchischen Glanz übt er aber selbst aus. Denn obwohl Wilhelm die romantischen Märchenkönig-Verzückungen seines Bruders verachtet, legt er großen Wert auf das Zeremoniell der gottgewollten Inthronisierung: Wie alle Hohenzollernkönige vor ihm besteigt er den preußischen Thron in Königsberg, wo er sich selbst unter dem einfallendem Sonnenlicht von Gottes Gnaden krönt:

Anton von Werner. Lizenz: gemeinfrei
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Der mittelalterlich-majestätische Prunk ist nur die halbe Wahrheit. Während der Regentschaft Wilhelms I. reifen Preußen und Deutschland zu modernen (wenn auch nicht demokratischen) Monarchien: Die Wirtschaft brummt, die Wissenschaft ist weltweit geachtet, Sozialgesetzgebung und alltagspraktische Erfindungen steigern die Lebensqualität. Die Deutschen genießen die Friedensjahre den guten Ruf in der Welt. Fast überall, wo er sich zeigt, jubelt man dem guten alten Kaiser Wilhelm mit dem großväterlichen Backenbart zu. Der bleibt bis ins hohe alter ein preußischer Soldat: Seine Wilhelms Liebe zur schlichten, aber ordenbehangenen Uniform verrät viel über seine Tugenden: Wilhelm ist gottesfürchtig und würdevoll, selbstbeherrscht und diszipliniert, genügsam und frei von Skandalen. Auch auf dem internationalen Parkett schätzt man die berechenbaren und verantwortungsbewussten Preußen als ehrliche Makler. Wie schnell aber Macht in Machtmissbrauch umschlagen kann, zeigt sich kurz nach Wilhelms Tod 1888. Sein ebenfalls todkranker Sohn Friedrich III. lebt nur noch 99 Tage, dann folgen er und das alte Preußen Wilhelm ins Grab. Mit der Kaiserkrönung des jungen Enkels Wilhelm II. nimmt eine unheilvolle Regentschaft ihren Lauf: Wilhelm II. begnügt sich nicht mit Hurra- und Hoch-Rufen, nicht  mit Orden und Paraden. Er will nicht mehr nur Preußens Glanz und Gloria, er will Deutschlands Weltmacht. Dieser unseelige Größenwahn hat mit Wilhelms I. Preußen nicht mehr viel gemein. Aber das staatliche Selbstbewusstwerden im Zeichen militärischer Siege (wie über Frankreich) hat ihm doch in gewisser Weise den Boden bereitet...

Wilhelms Biografie weiterzwitschern:

Ein Klick auf die Eule führt zu den Schauspielern im Biografien-Blog Eulengezwitscher...