Henri Nannen: Der Mann hinter dem Stern

Stephanie Nannen erinnert sich an Henri Nannen

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Henri Nannen ist eine Marke im Qualitätsjournalismus: Mit dem Henri-Nannen-Preis werden alljährlich journalistische Bestleistungen ausgezeichnet. In der Henri-Nannen-Schule bilden Die Zeit und Der Spiegel ihren Nachwuchs aus. Die Marke boomt, aber die Erinnerung an den Menschen Henri Nannen verblasst - zu Unrecht: Der Erfinder und Chef der Zeitschrift stern  ist ein Urgestein der deutschen Presse-landschaft. Jetzt hat seine Enkelin Stephanie Nannen ein neues Buch vorgelegt, in dem sie die Geschichte(n) ihres Großvaters erzählt, der heute 100 Jahre alt geworden wäre.

Henri Nannen hat sich immer als Geschichtenerzähler verstanden, der seine Leser – personifiziert im legendären Lieschen Müller  unterhaltsam informieren wollte. Auch privat waren Geschichten sein Allheilmittel: Zum Beispiel wenn er seine achtzehnjährige Enkelin über den ersten Liebeskummer hinwegtröst, indem er von den eigenen Liebeserfahrungen erzählt:

Ich saß ihm gegenüber und hörte still zu. Es gab nichts zu fragen. Noch nicht. Und er hätte meine Fragen wohl auch nicht gehört. [...] Er wollte mir helfen. Und er versuchte es mit dem besten Mittel, das er kannte und das er immer dann einsetzte, wenn er etwas bewirken oder bewegen oder jemanden überzeugen wollte: Er  erzählte Geschichten.

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Stephanie Nannen

Henri Nannen

Ein Stern und sein Kosmos

Erschienen bei C. Bertelsmann im September 2013. 400 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 19,99 € und als E-Book 15,99 €.


Stephanie Nannen belässt es nicht dabei, ihre eigenen Kindheits- und Jugenderinnerungen zu berichten. Das Aufregende an ihrem Buch (erschienen bei C. Bertelsmann) ist das Mit- und Ineinander verschiedener Gattungen und Stile. Eigene Erlebnisse mischen sich mit journalistischer Praxiserfahrung; die emotionale Nähe der Enkelin – mein Großvater – mit der professionellen Distanz der Biografin, die von Henri Nannen spricht. Der sich fortwährend wandelnde Charakter des Textes ist eine große Herausforderung, die Stephanie Nannen überzeugend bewältigt. Einzig die immer wieder eingestreuten szenischen Schilderungen ihrer Recherchen und Interviews zu dem Buch (wie etwa der Besuch bei Genschers) wirken ein wenig gekünstelt – die Kindheitserinnerungen machen sich als szenische Elemente hervorragend und werden durch reportageartigen Buchenstehungsgeschichten eher entwertet. Das tut allerdings der Gesamtleistung ihres andauernden schriftstellerischen Rollenwechsels kaum einen Abbruch. Schwierig gestaltet sich dieser Spagat vor allem bei der Aufarbeitung der Zeit des Nationalsozialismus. Stephanie Nannen meistert diese schwere Probe bravourös, auch wenn der selbsternannte Geschichtenerzähler Henri Nannen sich über seine Jahre als Kriegsberichterstatter der Luftwaffe weitgehend ausschweigt. Seine Enkelin weiß um die alten Vorwürfe, wonach Nannen mit den Nazis gemeinsame Sache gemacht und später Altnazis eingestellt habe. Sie hätte es sich einfach machen können. Im TV-Zweikampf mit Gerhard Löwenthal hatte der scharf angegriffene Nannen alle Vorwürfe mit deutlichen Worten und nachhaltig entkräftet. Stephanie Nannen aber macht es sich nicht leicht. Sie durchforstet nochmals die Frontberichte ihres Großvaters, studiert seine Fliegerkartei, liest seine schockierten Briefe aus Russland, ehe sie zu einem abwägenden, aber klaren Urteil kommt:

Nannen und der Nationalsozialismus, das war nicht kompatibel. Aber er war auch nicht zum Widerstandskämpfer geboren und passte sich zeitweise dem Regime an, blieb pragmatisch, um durchzukommen.

© Fotografie Michael Rauhe
Stephanie Nannen

Dessen ungeachtet schwingt in anekdotischen Entnazifizierungen (die sich auch immer wieder finden lassen) auch das Inschutznehmen der Enkelin mit. Das Ineinander der verschiedenen Erzähl- und Analyseperspektiven wirkt sich auch auf die Gliederung des Buches aus. Stephanie Nannen versteckt es sehr geschickt, die klassisch-biografische Chronologie zu durchbrechen. Zwar ist es durchaus üblich, szenisch einzusteigen, um dann auf die Kindheit und Jugend zu kommen. Bei Stephanie Nannen ist die durchbrochene Chronologie grundsätzlicher. Henris Beziehung zu seinem Vater, das ungewöhnliche Verhältnis zu Frauen und die lebenslange Leidenschaft für Kunstgeschichte und Bilder nimmt Stephanie Nannen erst dann genauer unter die Lupe, als sie ihren Großvater menschlich und charakterlich vorgestellt hat. Damit lässt sie dem Leser die Gelegenheit, die klassische Biografen-Frage selbst zu beantworten: "What made him tick?" Ihre eigenen Einschätzungen lassen die unangenehme Note der Belehrung angenehm vermissen. Dies umsomehr, als auch die liebende Enkelin (daran bleibt kein Zweifel) nicht vor schwierigen Urteilen zurückschreckt:

Im Leben meines Großvaters scheint es immer wieder so gewesen zu sein, dass er - wann immer er gedacht oder gefühlt - nah daran war, etwas zu bereuen, verbal und emotional um sich schlug. Er vermengte dann die Dinge. Nicht weil er sie nicht hätte auseinanderhalten können, sondern weil er dazu neigte, sich Argumente zu suchen oder zu basteln, die für ihn sprachen.

Für ihn spricht ganz ohne Basteleien der stern. Diese Lebensleistung, die ein bedeutender Betrag zur bundesdeutschen Pressegeschichte ist, kommt bei Stephanie Nannen nicht zu kurz. Allerdings nimmt sie im Buch weniger Bedeutung ein als das Leben ihres Großvaters. Selbst wenn der stern sprichwörtlich sein Leben war, steht der Mensch im Mittelpunkt und nicht die die Zeitschrift. Dessen ungeachtet erzählt Stephanie Nannen freilich auch dessen Geschichte(n), die nicht nur einmal für Aufsehen gesorgt hat (positiv wie negativ). Nahe am Menschen waren fast alle berühmten Stern-Geschichten: zur Abtreibung; zu den ehemaligen Ostgebieten, zu den Leiden der persischen Prinzessin Soraya. Als der stern 1983 auf die gefälschten Hitler-Tagebücher hereinfällt, ist Nannen nicht mehr Chefredakteur, sondern Herausgeber. Dennoch wendet sich seine Enkelin dieser schmerzhaften Wendung im letzten Kapitel zu, das mit Sterben überschrieben ist.

Wie stirbt einer, dessen Leben der Stern war? Wie stirbt jemand, der nicht nur ein Leben gelebt hat? Die Antwort klingt einfach. Mein Großvater musste zweimal sterben. Zuerst starb der Stern-Nannen. Und dieser Tod trug still, aber am Ende unbesiegbar, auch das Sterben des zweiten in sich.

Fazit: Stephanie Nannen hat ein gleichermaßen intimes wie belesenes Buch über ihren Großvater Henri Nannen vorgelegt, in dem sich Kindheits- und Jugenderinnerungen mit gründlicher Recherche und journalistischer Schreibe zu einer einzigartigen Textmixtur vermengen. Diese Mixtur aus autobiografischen, biografischen und journalistischen Zutaten ist außerordentlich gut gelungen - einzig die szenischen Einstreuungen der Rechercheinterviews ist ein wenig zu viel der Würze. 

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