Ludwig II.: Die Akte des Märchenkönigs

Oliver Hilmes über Ludwig II.

Lizenz: gemeinfrei
Lizenz: gemeinfrei

Oliver Hilmes und der Märchenkönig - das passt. Der Shootingstar unter den deutschen Biografen hat ein Faible für schillernde Gestalten der Romatik. Seine wissenschaftlichen und biografischen Meriten hat Hilmes an der Schnittstelle von Musik und Politik erworben - bislang allerdings mit musischem Schwerpunkt: Über Franz Liszt hat er geschrieben, über dessen Tochter Cosima, die Richard Wagner geheiratet hat, schließlich über deren gemeinsame Kinder. Mit dem Wagner-Clan und seiner Zeit kennt sich Hilmes aus. Umso verheißungsvoller ist der Untertitel seiner neuen - eher politischen - Biografie über Wagners Finanzier und Förderer Luwig II.: "Der unzeitgemäße König". Vor 150 Jahren wurde er gekrönt.

Es existieren gewissermaßen zwei Ludwigs, so Hilmes, die Kunstfigur und die historische Persönlichkeit. Von Anfang macht der Biograf klar, was der Leser auf den 446 Seiten zu erwarten hat - und was nicht: Auch wenn das kunstfertige Cover Anderes vermuten lässt, geht es Hilmes um die historische Figur des bayrischen Königs. Er will mit wissenschaftlichem Anspruch und anhand harter Fakten neue Erkenntnisse zu Tage zu fördern und sich daran messen lassen. Hilmes legimiert seine Ludwig-Biografie mit vielfachen (und mitunter zu offensiv vorgetragenen) Hinweisen auf die von ihm neu erschlossenen Quellen. Als erster Ludwig-Biograf hat Hilmes eine stattliche Zahl von Briefen und Tagebüchern aus dem königlichen Umfeld eingesehen und ausgewertet - vor allem im lange verschlossenen Geheimen Hausarchiv der Wittelsbacher Dynastie.

Oliver Hilmes

Ludwig II.

Der unzeitgemäße König

Erschienen bei Siedler im Oktober 2013. 448 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 24,99 € und als E-Book 19,99 €.


Oliver Hilmes, © Maximilian Lautenschläger
Oliver Hilmes, © Maximilian Lautenschläger

Je länger Ludwigs (chronologisch geschilderte) Lebensgeschichte dauert, desto erhellender werden die aus den Akten geborgenen Gedanken und Worte von und über den Kini (König). Hilmes hat in gewisser Weise einen Kini-Krimi geschrieben, in dem er als Archiv-Detektiv dem König und den Intrigen seines Hofes nachspürt. Das gelingt ihm über weite Strecken fesselnd. Vor allem die Überlieferungen von Bismarcks Mann in München, Georg von Werthern, erweisen sich als wertvolle Quelle.

Gestützt auf diese und ähnliche Dokumente durchleuchtet Hilmes gekonnt Ludwigs politische Leistungen und Niederlagen im Zeitalter der deutschen Nationalstaatsgründung. Ein kleiner Wermutstropfen: Wie Wethern in seinen Depeschen und Tagebucheinträgen berichtet Hilmes eher über die Akte Ludwig, als dass er den König zwischen Buchdeckeln wieder zum Leben erweckt. Mitunter beschränkt er sich darauf, zwischen neu entdeckten Zitaten zu moderieren, anstatt Ludwigs Lebensgeschichte zu erzählen. Allerdings erlaubt dieser analytische Zugang auch spannende Einblicke: So erfährt der Leser, wie sich Wagner und Ludwig umschwärmen, weil sie einander brauchen. In der Alltagswelt ist der Komponist auf seinen Mäzen angewiesen - in dessen Traumwelten ist es umgekehrt: Dort regiert Ludwig nicht das Bayern an der Schwelle des 20. Jahrhunderts; er herrscht stattdessen über die verklärten alten Reiche, die der verehrte Meister in seinen opulenten Opern heraufbeschwört. "Es giebt einen einzigen Weg zur Erregung seiner sympatischen Seelenkräfte zu gelangen, lässt Hilmes Wagner sagen, und diess bin ich, meine Werke, meine Kunst, in denen er die eigentliche wirkliche Welt ersieht, während alles Uebrige ihm wesenloser Unsinn dünkt." 

Wagners  Musik konnte bei ihm eine Euphorie bis hin zur Verzückung hervorrufen, aber offensichtlich ließ diese Wirkung auch schnell wieder nach. Dieser Mechanismus fand eine Entsprechung in der Korrespondenz der beiden Männer. Ludwig vermochte es, einen regelrechten Rausch zu Papier zu bringen [...], schwand das Delirium aber, beurteilte er die Dinge rational, gewissermaßen nüchtern. (S. 75)

Das Problem: Immer mehr fließen für Ludwig (und von ihm unbemerkt) die bürokratische Alltagswelt und die pompösen Traumwelten ineinander. Der König kann sich besser mit Wagners Bühnengestalten (wie dem mittelalterlichen Schwanenritter Lohengrin) identifizieren, als mit der zeitgemäßen Rolle eines volksnahen und parlamentarischen Monarchen. Ludwig verfällt körperlich, psychisch und sittlich auf eine tragische Weise, die ihn von seinem Umfeld entfremdet und die Hilmes akribisch aufschlüsselt. Nüchtern dokumentiert er, wie Ludwig sich selbst in einer Kunstwelt abschottet, dabei jedes Augenmaß für äußere Realitäten verliert, schließlich abgesetzt wird und kurz darauf auf myteriöse Weise im Starnberger See ertrinkt (Hilmes schließt Mord aus): Dabei seziert er die Überschuldung für den Bau von Luftschlössern (S. 289ff.), die entwürdigend-grobe Behandlung von Bediensteten, Ludwigs Gewichtszunahme und seine Angst vor der Schizophrenie, an der sein Bruder Otto zugrunde geht. Um Ludwigs eigene Krankheiten zu deuten (vor allem die des Geistes),  zieht Hilmes wie ein Ermittler ausgewiesene Experten zurate: 

Der Münchner Psychatrieprofessor Hans Förstl [...] glaubt, bei Ludwig eine sogenannte schizotype Störung nachweisen zu können. [...] Die schizotype Persönlichkeit ist oft misstrauisch und neigt zum Grübeln, zeigt sich dann aber wieder flammend begeistert. Ihr Auftreten ist nicht selten unkonventionell und exzentrisch. Das alles trifft [...] auf Ludwig II. zu. (S. 38)

Um sein Ziel zu erreichen, der Person Ludwig näherzukommen, dringt Hilmes allerdings auch tief in in die Intimsphäre des Königs ein. Dabei drängt sich ein NSA-Vergleich auf: Nicht alles was möglich ist, ist auch nötig, um sachdienliche Aufklärung zu betreiben. Zwar ist relevant, dass Ludwig homosexuell war und Beziehungen zu Reitknechten unterhalten hat - aber manches hätte ruhig unter der Bettdecke bleiben können. Denn selbst lückenlose Kenntnis privater Praktiken muss nicht zwingend zur Person führen. Im Fall des Märchenkönigs ist die Unterscheidung von historischer Persönlichkeit und Kunstfigur möglicherweise sogar irreführend: Denn die historische Persönlichkeit Ludwig II. hat sich selbst zu einer Kunstfigur gemacht. Diese Kunstfigur macht einen bedeutenden Teil der Person Ludwigs aus, sie lässt sich aber nur unzureichend mit dem rein wissenschaftlichen Handswerkszeug fassen.

Foto: b k, Lizenz: CC-BY-SA-2.0
Foto: b k, Lizenz: CC-BY-SA-2.0

Fazit: Oliver Hilmes legt eine souveräne Biografie über Ludwig II. vor, die spannende Einblicke in die höfischen Intrigen, die diplomatischen Gepflogenheiten und Winkelzüge zur Zeit der Reichsgründung gewährt. Dieses Buch ist ein Fest für Hobbyhistoriker und solche, die es werden wollen, denn auf interessierte Laien nimmt Hilmes gekonnt Rücksicht. Ein Ziel, das er eingangs in einem Nebensatz formuliert – der Person Ludwigs näherzukommen – hat er aufgrund zweifelhafter Grundannahmen aber nicht ganz erreicht. Denn die Person des Märchenkönigs ist von seinem Mythos nicht zu trennen – auch nicht von einem ausgezeichneten Historiker, der es glänzend versteht, sein Sujet für ein breiteres Publikum zu öffnen. Oliver Hilmes hat kurzweilig durch die Akte Ludwig moderiert. Was Ludwig auch ausmacht: den Zauber des ewig geheimnisvollen Lebens als Kunstwerk hat er weniger abgebildet – allerdings hat er das auch nicht gewollt...

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