Wolf Jobst Siedler: Der Bürgerboheme

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Wolf Jobst Siedler © P/F/H

Er verlegte Menschen-Geschichten: Wolf Jobst Siedler. Konrad Adenauer und Franz-Josef Strauß haben bei ihm ihre Autobiografien veröffentlicht, ebenso Willy Brandt In Siedlers eigener Lebensgeschichte als Soldat und Kriegsgefangener, Essayist und Feuilletonist, Verlagschef und Verleger, Berliner und Bürger geben sich die großen Denker und Macher des 20. Jahrhunderts ein Stelldichein. Schon im Elternhaus verkehrt man freundschaftlich mit dem Physiker Otto Hahn. Später wird sein eigenes Haus - ein Hort altberliner Bürgerlichkeit - zum Geheimtipp für bedeutende Besucher: "Gorbatschow, Genscher, Kissinger, Helmut Schmidt, die waren alle hier", erzählt Siedler im Interview, "sehr originell, dass hier in diesem bescheidenen Reihenhaus zum Teil die Weltgeschichte stattgefunden hat." Mit etwas Glück und einer zerschossenen Hand überlebt er das düsterte Kapitel der Weltgeschichte: Zusammen mit Ernst Jüngers Sohn liegt Siedler in den Stahlgewittern von Hitlers Krieg. Nach kurzer Kriegsgefangenschaft kehrt der einundzwanzigjährige Veteran, der wegen regimekritischer Äußerungen zur Frontbewährung verdonnert worden war, nach Berlin zurück. Dort macht er sich rasch einen Namen als Journalist, der nicht nur feinsinnig beobachten, sondern auch gut schreiben kann. Während er sich selbst vor allem an "Theaterereignisse, Konzerte und Streifzüge" erinnert, entdecken ihn andere als geborenen Kulturredakteur mit Leitungsqualitäten. Die zeigt Siedler dann viele Jahre beim Tagesspiegel, ehe er die Seiten wechselt und in die Verlagsbranche einsteigt: 

Axel Springer, mit dem Siedler eine innige Liebe zu Berlin teilt, macht ihn zum Chef von Propyläen, später von Ullstein. Schließlich gründet Siedler seinen eigenen Verlag. Seine Spezialität sind und bleiben Autobiografien und Biografien. Vor allem zwei Bücher machen Karriere: Die Hitler-Biografie von  Joachim Fest und die Erinnerungen von Albert Speer. Als Siedler dem ehemaligen Vorzeigearchitekten des 'Dritten Reiches' anbietet, seine Memoiren zu verlegen, wagt er einen Wortwitz: "Wissen Sie eigentlich, Herr Speer, dass wir Kollegen sind?" fragt Siedler. "Wir haben beide im Gefängnis gesessen - Sie wegen Hitler und ich unter Hitler." Speer kann nicht einmal schmunzeln. Siedlers aufgelockerter Umgang mit der eigenen Vergangenheit aber deutet an, dass er nicht nur ein großer Biografien-Verleger gewesen Vielmehr war Siedler ein Mensch, der fasziniert war von Menschen-Geschichten. Nicht umsonst hat er immer wieder darauf verwiesen, dass er nur die Bücher verlegt hat, die er selbst hat lesen wollen. Sein exzellenter Geschmack für Autobiografien und Biografien wird ihn als Vermächtnis überdauern. Diese Woche ist Wolf Jobst Siedler im Alter von 87 Jahren gestorben. 


Wolf Jobst Siedlers Biografie weiterzwitschern:

Ein Klick auf die Eule führt zu den Schreibern im Biografien-Blog Eulengezwitscher...

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