Steven Hawking: Von schwarzen Löchern und Lebensmut

Stephen Hawking erzählt seine kurze Geschichte

Foto: NASA. Lizenziert unter Gemeinfrei
Foto: NASA. Lizenziert unter Gemeinfrei

"Meine kurze Geschichte" handelt vom Lebensgang eines außerordentlich begabten theoretischen Physikers aus England: Studium in Oxford, Promotion in Cambrigde, Postdoc, Professor. Dazu plaudert der zurückblickende Autor aus dem Nähkästchen, erzählt Episoden seiner Kindheit und Jugend, Anekdoten von Fachtagungen, von netten und weniger netten Kollegen, von akademischer Neugier und Forscherdrang, vom Warten auf den Nobelpreis. Das alles wäre für ein breites Publikum eher unspektakulär, wenn es nicht der weltberühmte Stephen Hawking wäre, der diese Memoiren im Rowohlt-Verlag vorgelegt hat.

Steven Hawking

Meine kurze Geschichte

Autobiografie

Erschienen bei Rowohlt im September 2013. 160 Seitenkosten in der gebundenen Ausgabe 19,99 € und als E-Book 16,99 €.


Warum Hawking der bekannteste Physiker unserer Tage ist, darüber geben seine Memoiren mehrdeutig Auskunft. Da sind einerseits seine fachlichen Arbeiten über die Strahlung von Schwarzen Löchern und Raumzeit-Krümmungen, die Hawking ausführlich (und mitunter für Laien zu kompliziert) zum Gegenstand seiner Autobiographie macht (u. a. in den Kapiteln 7 und 11-13). Es liegt auch daran, dass Hawking das Universum aus dem akademischen Elfenbeinturm befreit hat, um es dann populärwissenschaftlich zu erklären. "Eine kurze Geschichte der Zeit" und "Das Universum in der Nussschale" zählen zu den erfolgreichsten Sachbüchern aller Zeiten.

Foto: NASA, Lizenz: public domain
Public domain

Es gibt allerdings noch eine weitere Ursache für Hawkings Berühmtheit: seine schwere Behinderung. Eine Amyotrophe Lateralsklerose hat sein motorisches Nervensystem angegriffen, seine Muskeln geschädigt und ihn in einem quälend schleichenden Prozess fast vollständig bewegungsunfähig gemacht. Hawking kommuniziert über einen Sprachcomputer, den er wie seinen elektrischen Rollstuhl über Augenbewegungen und den Wangenmuskel steuert. Es ist diese perfide Mischung aus menschlicher Trägödie und Genie, die Hawking zu einer faszinierenden Persönlichkeit macht. Umso vielversprechender sind Erinnerungen an ein Leben zwischen diesen Polen. Dieser - vielleicht voyeuristischen - Erwartung  wird Stephen Hawking nur teilweise gerecht, denn er erzählt sein Leben als wissenschaftlichen Werdegang. Schon in der Schule habe man ihn Einstein gerufen.

Ich habe mich immer sehr dafür interessiert, wie Dinge funktionieren, und baute sie auseinander, um es herauszufinden, aber nur selten ist es mir gelungen, sie wieder richtig zusammenzusetzen. Meine praktischen Fähigkeiten haben nie mit meinem theoretischen Wissensdrang standgehalten.

Dieser Wissendrang geleitet Hawking zur Physik und verleitet ihn zu einem kühnen Lebensziel:

Von der Physik und der Astromomie durfte ich mir die Antworten auf die Frage erhoffen, woher wir kommen und wohin wir gehen. Ich wollte die fernen Tiefen des Weltalls ergründen.

Lizenz: Rowohlt (http://www.rowohlt.de/fm/501/978-3-498-03025-4.jpg)

Einen Großteil seiner kurzen Geschichte verwendet Hawking darauf zu zeigen, wie konsequent er diese hochfliegenden Pläne verfolgt und inwieweit er sie umgesetzt hat. Wie er dabei sein körperliches Schicksal verkraftet und verarbeitet, gerät beinahe zur Nebensache. Schon bevor seine Erinnerungen beginnen, macht Hawking klar, dass die Behinderung nicht der Schlüssel zu seinem Leben sein soll. Das Buchcover (wie das gesamte Buch edel und ansprechend gestaltet) zeigt einen ausgelassenen, geradezu enthemmten Oxford-Studenten im Kreise seiner Kommilitonen. Von der sich schleichend anbahnenden körperlichen Katastrophe ist noch nichts zu sehen oder zu ahnen. Erst im zweiten Drittel des chronologisch geschilderten Lebensberichtes kommt er auf die Behinderung zu sprechen: Zunehmende Unbeholfenheit und unvermittelte Stürze führen zu einer Reihe von Untersuchungen mit schockierender Diagnose:

Die Erkenntnis, dass ich an einer unheilbaren Krankheit litt, an der ich wahrscheinlich in ein paar Jahren sterben würde, war ein ziemlicher Schock: Wie konnte mir das passieren. Doch während meines Krankenhausaufenthalts wurde ich Zeuge, wie ein Junge, den ich flüchtig kannte, im Bett gegenüber an Leukämie starb. Es war kein schöner Anblick. [...] Seither denke ich immer an diesen Jungen, wenn ich versucht bin, mich zu bemitleiden.

Ganz in diesem Sinn wendet sich Hawking schon nach wenigen Absätzen wieder der Wissenschaft zu - und seiner jungen Familie. Er heiratet Jane, die sich von der Einschränkung nicht abschrecken lässt. Bald bekommt die Familie Nachwuchs. Hawking berichtet von einem ganz normalen Leben. (Dass dazu auch wenig rühmliche Eheszenen und sogar zwei Scheidungen gehören deutet Hawking allerdings nur an). Die mehr oder minder gleichgültige Hinnahme der Behinderung wirkt nur kurz unglaubwürdig, denn Hawking erklärt sich:

"Wem ein früher Tod droht, der begreift, welchen Wert das Leben hat und dass es noch viele Dinge gibt, die man tun möchte."

Was Hawking nicht in Worte fassen kann, fasst er in Bilder: Tobende Kinder, die ihren bewegungsunfähigen Vater so annehmen, wie er ist. Auch Hawking hadert weder mit seinem Schicksal, noch verdrängt er es. Er nimmt es an und erkennt sogar Vorteile:

Ich brauchte keine Vorlesungen zu halten und keine Studienanfänger zu unterrichten, und ich musste nicht an langweiligen und zeitraubenden Institutssitzungen teilnehmen. Auf diese Weise konnte ich mich uneingeschränkt meiner Forschung widmen.

Wenn er je einen Kampf gegen seine Behinderung geführt hat, dann den, nicht auf sie reduziert zu werden. Er versichert sich und seinen Lesern, ein gutes und erfülltes Leben gehabt zu haben. Denn er gibt eine Maxime aus, die ihn selbst zeitlebens getragen hat:

Meiner Meinung nach sollten sich behinderte Menschen auf die Dinge konzentrieren, die ihnen möglich sind, statt solchen hinterherzutrauern, die ihnen nicht möglich sind. [...] Falls ich ­etwas zum Verständnis unseres Universums beitragen konnte, wäre mein Glück vollkommen.

Faizt: Es lohnt sich, Hawkings kurze Geschichte als praktisches Vorbild für diese Maxime zu lesen: Persönliches Glück hängt nicht von unbeeinflussbaren Schicksalsschlägen ab. Selbst wer nicht körperlich beeinträchtigt ist, kann ihr etwas abgewinnen. Denn nicht jede Behinderung ist für andere sichtbar wie Hawkings Amyothrophe Lateralsklerose. Stephen Hawkings kurze Lebens-Geschichte hat länger gedauert, als es seine ratlosen Ärzte in den 1960er Jahren vermutet hatten. Insofern ist der Buchtitel nicht nur eine Anspielung auf die kurze Geschichte der Zeit. Er karikiert auch voreilige düsterte Prognosen. Das macht Mut - eine nicht zu unschätzende Leistung von Hawkings Memoiren.

Wer sich allerdings eher dem physikalischen Lebenswerk von Steven Hawking nähern will, der ist bei seinem Biografen Hubert Mania besser aufgehoben.

Hubert Mania

Stephen Hawking

Biografie

Erschienen in der Reihe Rowohlt E-Book-Monographien im Oktober 2013. 160 Seiten kosten 3,99 €.


Denn wer A wie Autobiografie sagt, der tut selten schlecht daran, auch B wie Biografie zu sagen. Im Fall von Stephen Hawking lohnt sich das allemal, da Hawkings kurze Geschichte mitunter recht rasch komplexe physikalische Zusammenhänge umreisst. Hubert Mania, dessen Hawking-Biografie in der Reihe Rowohlt E-Book Monographien  erschienen ist, nimmt da schon mehr Rücksicht auf interessierte Laien. Fachlich fundiert und in lebendiger Sprache ordnet Mania Hawking in die Reihe der großen Universumsforscher ein. Unterhaltsam, bisweilen gekonnt komisch sind die Beispiele, anhand derer er schwierige Phänomene wie den Blick in die Vergangenheit erklärt:

Wenn Sie selbst in diesem Augenblick in die Sonne schauen, sehen Sie das Licht, das sie einige Zeit zuvor abgestrahlt hat. Würde unser Zentralgestirn in diesem Augenblick explodieren, könnten Sie also in aller Ruhe noch acht Minuten und zwölf Sekunden weiterlesen, bevor Sie das grandioseste Feuerwerk aller Zeiten erlebten.

Manias Biografie über Hawking ist ein starkes Buch über die Erforschung des Universums, aber sie ist im eigentlichen Sinn keine Biografie. Während ihm ein Husarenritt durch mehrere Jahrhunderte Wissenschaftsgeschichte ohne sichtbare Mühen gelingt, bericht der Biograf wenig mehr über das Leben von Stephen Hawking, als der selbst von sich preisgegeben hat, beispielsweise in der vielzitierten Veröffentlichung Einsteins Traum (ebenfalls Rowohlt) oder in der TV-Dokumentation Master of the Universe. Bei allen gewitzten Erklärungen und einem kurzweiligen Erzählstil lässt es Hubert Mania damit zuweilen an der gebotenen Distanz zu seinem Protagonisten fehlen. Mitunter folgt der Selbstdeutung Hawkings allzu unkritisch. Das bezieht sich allerdings überwiegend auf das Privatleben, das - ob nun zurecht oder nicht - in dieser Biografie keine herausgehobene Bedeutung erfährt.

Fazit: Hubert Mania gelingt es auf unterhaltsame Weise, auch Laien für Physik zu gewinnen, die er außerdem plastisch erklärt. 

Noch ein Wort zum Format, das ein echter Gewinn ist: Die Bände der Reihe rororo monographien sind echte Klassiker im Biografien-Regal. In der bewährten broschürten Variante ist es Tradition, die Protagonisten in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten darzustellen. Das neue Format der Rowohlt E-Book-Monographien verzichtet auf die Bebilderung, kompensiert dies aber durch den sinnvollen (und nicht überzogenen) Gebrauch der technischen Möglichkeiten elektronischen Lesens (u. a. Verlinkungen und Verweise). Die elektronische Neuauflage ist überzeugend gelungen und eine echte Bereicherung im Biografien-Spektrum.

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