Georg Kreisler: Verbitterung als Beruf

Georg Kreislers Autobiografie

Rabanus Flavus, Lizenz: Public Domain
Rabanus Flavus, Lizenz: Public Domain

Der Tod war ihm kein Unbekannter: Georg Kreisler. In seinen makaberen Chansons hat er zu heiterer Klavierbegleitung so manches Ableben besungen: Tauben vergiften, Frauen ertränken, Zirkuselefanten verbrennen - für den österreichischen Berufszyniker war das (musikalischer) Alltag. Über seine schonungslosen Polit-, Kultur- und Sozialsatiren konnten Programmdirektoren und Publikum immer erst nach einer Anstandszeit von gut zehn Jahren lachen. Kreislers humoristische Gesellschaftskritik war immer eine Spur zu schwarz. Im November vor zwei Jahren hat ihn der vertraute Tod selbst heimgesucht. Kurz zuvor hat Georg Kreisler seine Autobiografie vorgelegt, die tiefe Einblicke in ein traumatisiertes Leben gewährt:

Georg Kreisler

Letzte Lieder

Autobiografie

Erschienen bei Arche im August 2009. 160 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 19,99 €, als Taschenbuch und als E-Book 9,99 €.


Das nur äußerlich schmale Büchlein "Letzte Lieder“ offenbart, wie wenig die gehässige Verbitterung in den Chansons und Texten nur Markenzeichen oder professionelle Masche ist. Kreislers Zynismus kommt von innen und ist das Ergebnis seiner Lebensgeschichte, in der es von Enttäuschungen, Traumata und künstlerischen Verkennungen nur so wimmelt. So zerrüttet wie dieser Lebensgang ist auch der Aufbau des Buches. Ein Inhaltsverzeichnis gibt es nicht, die einzelnen Kapitel sind ohne Überschriften römisch durchgezählt - die Eins erinnert an ein Grabeskreuz. Kreislers Autobiografie trägt auch nicht den Charakter chronologischer Erinnerungen. Vielmehr spinnt er die großen Zusammenhänge aus einzelnen Gedankenfetzen, in denen Erlebtes und Gedachtes aus verschiedenen Lebensphasen ineinander verwoben sind. Kreislers Vater-Kind-Beziehungen geben ein gutes Beispiel ab: Sein eigener Vater verachtet Künstertypen (wie Onkel Otto) und fällt damit als verständiger Vertrauter des musisch begabten Georg aus.  Umso bitterer ist es, dass auch Kreisler später selbst als Vater nicht überzeugen kann:

Mein erster Sohn wurde mir im Alter von acht Jahren mit Gewalt von der Mutter weggenommen und dann mit richterlicher Erlaubnis von mir ferngehalten. Acht Jahre waren wir sehr fröhlich miteinander gewesen, aber das scheint er vergessen zu haben, was ich ihm nicht übel nehmen kann. Auch mein zweiter Sohn war ein fröhliches Kind; erst als Erwachsener entschloss er sich zur Flucht vor mir. Die Gründe dafür sind mir unbekannt, und wenn er meint, sie zu kennen, irrt er sich. Dasselbe gilt für meine Tochter.

Von Kindheit an bestimmen äußere und innere Fluchtzwänge Georg Kreislers unstetes Leben:

Seit ich im Jahr 1938 vor den Nationalsozialisten flüchten durfte, stehe ich unter Zugzwang. Ich ziehe von einem Ort zum nächsten. Basel, wo ich fünfzehn Jahre hauste, erinnerte mich an die Hölle, kommt mir also bekannt vor.

Ähnlich charmant spricht Kreisler fast von allen Wirkungsstätten. Im amerikanischen Exil will er dem Konzentrationslager New York entkommen, in Berlin findet er außer der Liebe seines Lebens nichts Gutes, in Wien hat das Böse gesiegt. Zu allem Überdruss fühlt sich Kreisler verkannt - und damit hadert er virtuos auf der Klaviatur der selbsterfahrenen bitteren Lebensweisheiten. Zu Wort kommen diejenigen, die nicht Kunst produzieren, sondern ihre persönlichen Karrieren, moniert Kreisler und formuliert damit gewissermaßen das Leitmotiv seiner Kulturbetriebsschelte.

Schöpferische Künstler wollen meistens nur, dass man sie als anders geartete Menschen akzeptiert, fast wie Behinderte [...]. Sie scheitern nicht am Publikum, denn das Publikum ist gutwillig und bereit, sie scheitern an denen, die ihnen das Pubklikum verschaffen müssen, den Veranstaltern.

Allerdings verfehlt Kreislers Abrechnung mitunter ihr Ziel. Immer wieder eingestreute Nazi- und Judenvergleiche sollen schockieren (Frauen waren die Juden, die man im Bett brauchte.), wirken aber mitunter lediglich unbeholfen darum bemüht, kreislertypisch Tabus zu brechen. Das hat seine Autobiografie nicht nötig. Ohne die ebenfalls kreislertypische Klavierbegleitung wirken grausige Kriegserinnerungen (als amerkanischer Soldat) oder die Berichte über den Kampf gegen die vielen Gesichter der Zensur aufschreckend genug. Auch das Stelldichein der unzähligen geistesgeschichtlichen Kronzeugen, die Kreisler mehr oder minder gewaltsam ins Buch zerrt, um seine eigenen klugen Gedanken zu stützen (darunter Kafka, Eichendorff, Heine) bringt keinen nennenswerten Mehrwert. Denn was Kreisler mit seinen letzten Liedern (kapitelweise eingestreute Lyrik) bezweckt, liegt auf der Hand: Seine Autobiografie ist eine Verabschiedung, versehen mit dem Flehen, den ernsten Zyniker und Zweifler posthum nicht auf seine Everblacks - die makabren Chansons - zu reduzieren.

Wer nicht kennt als meine Lieder, hat unrecht, wer mich nur mit Taubenvergiften, zwei alten Tanten, Opernboogie und dergleichen gehört hat, irrt sich...

Fazit: Die Autobiografie ist ein Muss für alle Kreisler-Liebhaber. Aber (und darin liegt die Schwäche des Buches) - wer vor der Lektüre keinen Zugang zu Leben und Werk Georg Kreislers hat, der dürfte ihn auch in den letzten Liedern nicht finden. Wer übrigens eine idealtypische Biografie über Kreisler lesen will, ist gut beraten mit dem Buch von Hans-Jürgen Fink und Michael Seufert (Fischer-Verlag, siehe links). 


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