Rudolf Augstein: Der Spiegel-Macher

Logo des Wochenmagazins DER SPIEGEL, gegründet und herausgegeben von Rudolf Augstein
Logo des Wochenmagazins DER SPIEGEL, gegründet und herausgegeben von Rudolf Augstein
Rudolf Augstein (Foto: Spiegelgruppe/Pressefoto)
Rudolf Augstein (Foto: Spiegelgruppe/Pressefoto)

Er hat Deutschland den Spiegel vorgehalten: Rudolf Augstein. Sein Nachrichtenmagazin rammt die Pflöcke der Pressefreiheit tief ins Fundament der jungen Bundesrepublik. DER SPIEGEL schaut den Mächtigen auf die Finger und kultiviert eine kritsche Berichterstattung, die weder vor den Besatzungsmächten noch vor der Bundesregierung halt macht. Dafür scheint Augstein wie gemacht, zumindest ist das seine Meinung: "Ich hatte nie Schwierigkeiten, gegen etwas zu sein. Ich hatte mehr Schwierigkeiten, für etwas zu sein." Da verwundert es fast, dass Augstein den Nationalsozialisten keinen nennenswerten Widerstand geleistet hat - und das, obwohl ihm Hitlers Kriegspläne die früh gehegten Berufsträume zerschießen (Germanistik-Professor, Schriftsteller): Nach dem Notabitur und einer kurzen journalistischen Ausbildung beim Hannoverschen Anzeiger bezieht Augstein nicht wie erhofft die Uni, sondern die Kaserne. Dort spielt der sprachbegabte Soldat kurzzeitig mit dem Gedanken, in der Propaganda-Kompanie zu dienen - nur um doch zum Schreiben zu kommen. Damit hätte er sich als späterer Pionier der freien Presse unmöglich gemacht. Er macht es nicht. Augstein kehrt als nationalpatriotischer Offizier und talentierter Journalist aus dem Krieg zurück, aber nicht als Nazionalsozialist. Das sehen auch die Allierten so und holen Augstein zum Magazin "Diese Woche", dem Vorläufer des Spiegels, den Augstein bald darauf herausgeben wird.

Je mehr sich die Alliierten aus Politik und Verwaltung im Nachkriegsdeutschland zurückziehen, desto öfter spiegelt Augstein die Bonner Regierung. In Bundeskanzler Konrad Adenauer und Verteidigungsminister Franz Josef Strauß findet er zwei Widersacher, denen er den publizistischen Kampf ansagt - mit einigem Erfolg. Denn beide stolpern 1962 über die Spiegel-Affäre: Redakteur  Conrad Ahlers hatte einen Whistleblower im Militär aufgetan und mit dessen geheimen Dokumenten enthüllt, dass die Bundeswehr nur "bedingt abwehrbereit" sei.  Für Adenauer ist das ein "Abgrund von Landesverrat". 


Strauß, den Augstein seit einem gemeinsamen Trinkgelage für gefährlich hält, verhindert nicht, dass in einer Razzia die Hamburger Redaktionsräume auf den Kopf gestellt werden. Augstein und Ahlers wandern ein und die Zukunft des Spiegels ist ungewiss. Die Öffentlichkeit ist empört. Studenten, Professoren und sogar die journalistischen Konkurrenten wie Henri Nannen und Axel Springer wehren sich gegen den Regierungsangriff auf die Pressefreiheit. Erst treten fünf FDP-Minister zurück (später wird Augstein bei den Liberalen ein kurzes Gastspiel als Bundestagsabgeordneter geben), dann Strauß. Die einen gehen aus Protest, der andere unter Protest. Selbst Adenauer ist angezählt. Vielen gilt die Spiegel-Affäre als Anfang vom Ende seiner Kanzlerschaft. Das ist sicher nicht Augsteins Ziel gewesen, denn Adenauer bewundert er persönlich ebenso wie Bismarck. Aber Rücksicht auf (wenn auch verehrte) Autoritäten ist seine Sache nicht. Selbst der Kirche kehrt er den Rücken – aber nicht, solange seine streng katholische Mutter noch lebt. Denn mütterliche Autorität achtet auch Rudolf Augstein, der heute 90 Jahre alt geworden wäre.

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