Leonard Bernstein: Interview mit Vermächtnis-Charakter

Jonathan Cott über einen Abend mit Leonard Bernstein

Foto: Allan Warren. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0
Foto: Allan Warren. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0

Jonathan Cott

Leonard Bernstein

Kein Tag ohne Musik

Erschienen in der Edition Elke Heidenreich bei C. Bertelsmann, 160 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 17,99  und als E-Book 13,99 €.


„Kein Tag ohne Musik“ ist weder eine klassische Biografie noch eine klassische Autobiografie. Jonathan Cott hat eine Interview-Biografie über den amerikanischen Dirigenten und Komponisten Leonard Bernstein vorgelegt (u. a. West Side Story). In diesem Format ist der Autor ein Pionier und Spezialist: Er hat ähnliche Projekte bereits mit Bob Dylan und Glenn Gould realisiert. Sein Bernstein-Buch ist kein 160-Seiten-Interview. Geschickt verwebt der journalistisch versierte Cott Frage-Antwort-Passagen mit szenischen Schilderungen von der Begegnung mit Bernstein: Diese Begegnung beginnt an einem späten Oktober-Nachmittag 1989 – wenige Monate vor Bernsteins Tod – und endet tief in der Nacht. In einer solchen Zeitspanne lässt sich die Interview-Biografie auch gut lesen, denn einmal begonnen fühlt man sich regelrecht eingeladen zum „Dinner with Lenny“ (so der wesentlich aussagekräftigere Titel des englischen Originals). Cott versteht es, den Leser in Bernsteins Musikstudio mitzunehmen, wo man sich gemeinsam eine Aufnahme von Sibelius‘ Erster Symphonie anhört:

Immer wieder ließ er sein Wodkaglas von einer Hand zur anderen wandern und fing dann an zu singen – zu summen, zu raunen, hin und wieder gospelartig laut zu jubilieren – und die vier Sätze der Sinfonie (die Sibelius 1898 mit dreiunddreißig komponiert hatte) zu dirigieren und tanzend zu begleiten. Dabei versorgte er mich mit rezitativen Einschüben, Erklärungen sowie anerkennenden oder kritischen Kommentaren und Bemerkungen zu diesem leidenschaftlichen, lebhaften und höchst erfinderischen Werk.

Leonard Bernstein macht auch in seinen Antworten keinen Hehl daraus, dass er auf ein in jeder Hinsicht exzessives Leben zurückblickt.

Ich rauche. Ich trinke. Ich bleibe nächtelang auf. Ich treibe mich herum. Bei mir gibt es immer von allem ein bisschen zu viel.

Offenherzig plaudert Bernstein über seine sexuellen Erfahrungen, deutet seine Entjungferung als Elfjähriger an und berichtet mit einigem Stolz, wie ihn Alma Mahler, die gealterte Witwe des von Bernstein verehrten Komponisten Gustav Mahler verführt hat:

Sie hat versucht, mich abzuschleppen. Sie hatte ein paar meiner Proben mit den New Yorker Philharmonikern besucht – und lud mich zum »Tee« ein, was sich als Aquavit herausstellte. Dann schlug sie vor, dass wir uns ein paar Memorabilien ihres Ehemanns ansehen sollten – in ihrem Schlafzimmer.

Überhaupt Mahler: Bernstein ist nach einer der ersten Dirigenten gewesen, der Mahlers Musik gefördert und salonfähig gemacht hat. Dafür gibt er eine einfache Erklärung:

Andere Dirigenten haben einfach nicht den Mut, zu spielen, was Mahler geschrieben hat, das ist alles. Ich bin Komponist, und ich verstehe, was er meinte. Das ist der Unterschied.

Eine solche Einstellung muss andere dirigierende Komponisten empören. Vor allem Pierre Boulez hatte seinem Unmut Luft gemacht und Bernstein für seine theatralische Orchesterleitung scharf kritisiert. Jonathan Cott gelingt es glänzend, Boulez‘ Ärger über Bernstein zu thematisieren, ohne die zusehends vertrauliche Atmosphäre des mittlerweile nächtlichen Gesprächs zu gefährden. Das ist eine biografische Meisterleistung, denn je länger der Abend, desto intimer sind die Einblicke, die Bernstein gewährt: Wenn er davon spricht, Gustav Mahler zu verstehen, dann meint er damit eine emotional-spirituelle Vereinigung, die er mit allen Komponisten sucht, die er dirigiert:

Wenn ich nicht Brahms oder Tschaikowsky oder Strawinsky werde, wenn ich ihre Werke dirigiere, wird das zu keiner besonders guten musikalischen Darbietung führen. Es kann zu einem Konzert führen, das ganz okay oder auch miserabel ist, aber ich kann nur sicher wissen, dass ich wirklich etwas Gutes geleistet habe, wenn ich das Stück beim Dirigieren selbst erfunden habe … Es muss das Gefühl da sein, dass mir gerade jetzt die erste Idee dazu kommt [er schnippt mit den Fingern]: Ooooh, ja! Das wäre genau richtig … hier muss das Englischhorn kommen … hier ein Pizzicato in den Bässen … jetzt ein Posaunenakkord! Die andere Art, wie ich erkenne, ob es gut war oder nicht, kommt erst, wenn alles vorbei ist, denn manchmal brauche ich eine, zwei oder sogar bis zu drei Minuten, bis ich wieder weiß, wo ich bin und wer ich bin und was dieser ganze Lärm hinter mir bedeutet. Manchmal bin ich so weit weg … so weit weg.

Dicht dran an Leonard Bernstein ist dagegen der Leser – und das ist Jonathan Cotts Verdienst, für das es fünf von fünf Leseeulen gibt: Cott hat es geschafft, in zwölf Stunden eine lesenswerte Nahaufnahme von Bernstein zu zeichnen, die auch über 20 Jahre nach dessen Tod (1990) nichts an Lebendigkeit verloren hat. In Leonard Bernsteins eigenen Worten:

Man kann durch Erinnerung die Zeit aufheben, wenn das Gedächtnis das erinnerte Ereignis antizipiert und es dadurch zu etwas Zukünftigem werden lässt. Sodass es, wenn man sich erinnert, zum Jetzt wird. Das ist sehr bedenkenswert.

Übrigens: Leonard Bernstein gibt's auch im Biografien-Blog. Zwei andere große Mahler-Dirigenten im Eulengezwitscher sind Claudio Abbado und Sir Simon Rattle.

Rezension weiterzwitschern:

Kommentar schreiben

Kommentare: 0