25. Aug. 1918: Leonard Bernstein (*)

Foto: Al Ravenna, Lizenz PD
Foto: Al Ravenna, Lizenz PD

Er komponierte die West Side Story: Leonard Bernstein (1918-1990). Geboren als Sohn ukrainischer Einwander lebt er amerikanischen Musiktraum. Wenn die Nachbarn Klavier spielen, hängt Lenny mit dem Ohr gebannt an der Wohnzimmerwand. Das entgeht den Eltern nicht. Bald steht in der Diele das alte und verstimmte Klavier von Tante Clara. Lenny ist hin und weg. Er übt und übt, oft bis tief in die Nacht hinein. Dem um Ruhe schreienden Vater schmettert Lenny umso lauter Ravels ‚Bolero’ entgegen; den schlaflosen Nachbarn, die wütend an die Wände klopfen, lässt er über seine Mutter ausrichten, sie müssten schon bald viel Geld bezahlen, ihn musizieren zu hören. Daran arbeitet er hart, auch wenn er selbst der erste ist, der sich für einen Weltstar hält. Schon der Teenager zeigt die Symptome jenes schicksalhaften Sendungsbewusstseins, das so manches Künstler-Genie in die geltungssüchtige innere Vereinsamung getrieben hat: Bernstein spielt in einem Ferienlager für jüdische Schulkinder und deren Eltern beim Mittagessen Klavier. Kurz zuvor hat er erfahren, dass George Gershwin gestorben war. Mit einem lauten, dissonanten Akkord unterbricht er die fröhliche Gesellschaft, um mit Grabesstimme den Tod des „größten jüdischen Komponisten Amerikas“ zu verkünden. Er werde nun dessen ‚Präludium Nr. 2’ spielen und bitte darum, nicht zu applaudieren. Bernstein hinterlässt ein beeindruckt und betreten schweigendes Publikum. „Ich hatte das Gefühl, dass ich Gershwin war, ich war Gershwin und hatte das Stück komponiert.“

Bernsteins Ehrgeiz und sein kaum weniger ausgeprägtes Talent bringen ihn an die amerikaweit rennommierte Dirigentenklasse in Tanglewood. Von dort wird er als Assistent zu den New Yorker Philharmonikern gerufen. Kaum dort angekommen, schlägt seine große Stunde. Der Stardirigent des Abendsfällt mit Fieber aus und Bernstein betritt erstmals das Pult der berühmten Carnegie Hall. 


Er nimmt es im Sturm: ausgelassener Applaus, stehende Ovationen, Glückwunschtelegramme, überschwängliche Pressekritiken begleiten ihn auf den ersten Stufen einer Weltkarriere. Über Nacht wird Bernstein von allen großen amerikanischen Orchestern eingeladen und reist von Erfolg zu Erfolg; er erobert die Konzertsäle der Vereinigten Staaten mit den Werken junger amerikanischer Komponisten, zu denen er sich selbst zählt. Seine ernsten Sinfonien ‚Jeremiah’ und ‚Das Zeitalter der Angst’ werden wohlwollend aufgenommen, aber Furore macht vor allem seine Jazzoperette ‚West Side Story’, mit der er die gekränkte Seele der Neuen Welt streichelt, die als weithin kulturlos gilt. Schließlich avanciert Bernstein zum obersten Weltmusikanten – eine Rolle, der er sich bewusst ist, die ihm behagt und die er benutzt: Während sich Herbert von Karajan durch immer reinere Audioaufnahmen und epische Opernverfilmungen hervortut, gibt sich Berstein in Fernseh- und Radiosendungen als Lehrmeister, der seinem Publikum Bach und Beethoven beibringt. Vor allem liegt Lenny die Musikerziehung am Herzen: mit den New Yorkern Philharmonikern gibt er über fünfzig Konzerte für junge Leute, in denen er dirigiert, erklärt, am Klavier Boogie-Woogie spielt, lauthals Beatles-, und Elvis-Songs singt und sich wie die Popikonen seiner Zeit feiern lässt. Popikonen dürfen schrill und schräg sein. Auch das kostet Bernstein genüsslich aus: Schweißgebadet drückt er die First Lady Jackie Kennedy an sich und küsst sie auf den Mund. Als Mittzwanziger lässt er sich von siebzigjährigen Alma Mahler bezirzen  - sosehr liebt er deren ersten Mann Gustav Mahler, dass er auch seine Frau lieben muss. Mit so manchem seiner männlichen Musikerkollegen treibt er es sogar noch bunter - dabei ist er märchenhaft verheiratet und hat drei Kinder. Aber Leonard Bernstein ist ein Exzentriker, der auf sich auf dem Dirigentenpult ähnlich gehen lässt wie im Bett. Er berauscht sich an seinen Skandale genauso wie an Zigaretten, Whisky und Ruhm. Obwohl er gerne ein bedeutender Opernkomponist gewesen wäre, geht er als begnadeter Musical-Schreiber und als genialer Mahler-Dirigent in die Musikgeschichte ein. Seine eigene Geschichte endet zu früh: Kaum über siebzig bricht er zusammen und stirbt. Heute wäre Leonard Bernstein  95 Jahre alt geworden. In seinen Einspielungen der Mahler-Werke ist er allerdings unsterblich. Dass wussten auch seine Kinder, die ihm eine Partitur der V. Symphonie als Grabbeigabe in den Sarg legten. Wie innig Bernsteins Verhältnis zu Mahler ist, zeigt sich in den legendären Proben mit den Wiener Philharmonikern (siehe Clip).

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