Nachruf auf Peter Struck

Foto: Superbass. Licensed under CC BY 3.0
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Er machte Politik mit Ecken und Kanten: Peter Struck. Vor dem Klartext des Uelzener SPD-Urgesteins waren gleich, selbst die eigenen Abgeordneten in der von ihm geführten SPD-Bundestagsfraktion: "Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die Klappe halten." Für Peter Struck selbst war das Klappe halten allerdings nichts. Als der ehemalige hessische Ministerpräsident Roland Koch schärfere Jugendstrafgesetze forderte, nachdem zwei ausländische Teenager in der Münchner U-Bahn einen


Fahrgast zu Tode geprügelt hatten, da bekam er die geballte Strucksche Wortgewalt zu spüren:  "Ich glaube, dass Roland Koch ja eigentlich von Herzen froh war, dass dieser schreckliche Vorfall in München in der U-Bahn passiert ist." Die CDU, die eine Entschuldigung einforderte, kanzelte Struck mit einem schulterzuckenden "Die kann mich mal!" ab.

Foto: Bundeswehr. Lizenz: CC BY 2.0
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Dabei müsste Struck gewusst haben, was er politisch korrekt sagen durfte und was nicht: Seine Karriere war die eines Parteisoldaten: SPD-Eintritt schon während des Jura-Studiums, Stadtradt und stellvertretender Stadtdirektor in Uelzen, Bundestagsabgeordenter, Parlamentarischer Fraktions-Geschäftsführer, später dann Fraktionsvorsitzender. Aber Struck war eben kein Parteisoldat - zumindest kein befehlsgehorsamer. Vom Vorsitzenden Oskar Lafontaine hält er wenig bis gar nichts: "Vom Idealisten zum Demagogen. Vom Machtpolitiker zum Despoten - das war Lafontaines Werdegang." Aber auch Lafontaines Rivale, Bundeskanzler Gerhard Schröder, muss spüren, dem Strucks Kanzlerfraktion  nicht bedingungslos folgen wollte: "Wir werden die Regierung stützen, aber auch treiben." Als es dann tatsächlich zum Zwist um die Rentenreform kam, die Schröders rot-grüne Regierung durchpeitschen wollte, da lehrte der SPD-Fraktionsvorsitzende den SPD-Kanzler Respekt vor dem Parlament: "Kein Gesetz verlässt den Bundestag so, wie es eingebracht wurde."

Eigentlich macht man sich so keine Freunde, weder bei den eigenen Leuten, noch beim politischen Gegner. Als aber Peter Struck im vergangenen Dezember einem Herzinfarkt erlag, da war sich die Berliner Republik einig, dass man einen vorbildlichen Demokraten verloren hatte. "Er war ein Typ: knorrig, rau, herzlich, direkt, humorvoll – auch scharf. Peter Struck hat sich um unser Vaterland verdient gemacht“, würdigte Thomas de Maizière seinen Vorgänger als Verteidigungsminister. Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Eigentlich, denn bei einem pathetischen Nachruf darf es nicht bleiben. Peter Struck war ein Vorzeigedemokrat, gerade weil er knorrig, rau, herzlich, direkt, humorvoll und scharf war - alles Eigenschaften, die den typischen Spitzenpolitikern abgehen. Peter Struck war erfolgreich und geschätzt, weil er "Scheiße" sagte, wenn er Scheiße meinte. Weil er die Politik als Beruf begriff und nicht als Selbstinszenierung. Weil er lieber aufs Motorrad stieg als auf Talkshow-Bühnen. Weil er seine hohe Stirn gerne in Pfeifenrauch hüllte und seinen Schnauzbart am liebsten in frisch gezapftes Bier tunkte, anstatt wie andere der selbsgefälligen Champagner-Schickeria zu erliegen. Ein bisschen mehr Strucksche Ecken und Kanten jedenfalls würden der Berliner Republik gut tun. Heute, am 24. Januar 2013, wäre Peter Struck 70 Jahre alt geworden.

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