Henri Rousseau: Der Zöllner als Maler

Der Traum (1910) (Gemälde: Henri Rousseau, Lizenz: gemeinfrei)
Der Traum (1910) (Gemälde: Henri Rousseau, Lizenz: gemeinfrei)

Jedem Anderen wäre diese Party peinlich: Im Atelier des Gastgebers Picasso stinkt es nach Farbe, Terpentin und dem kalten Rauch der unzähligen Zigaretten, deren Stummel den Fußboden verzieren. Die Tafel besteht nur aus einem zerfressenen Brett auf knarrenden Holzblöcken. Das Essen ist für den falschen Tag bestellt und die Gäste, die mit Reis und selbst mitgebrachten Kuchen vorlieb nehmen müssen, grölen. Eine von vielen Aperitifs schon ganz beschwipste Dame setzt sich mitten in den schönsten Apfelkuchen und umarmt danach die ganze Gesellschaft - das würdevolle Festbankett gerät zum Gelage, kaum dass es angefangen hat. Aber Henri Rousseau freut sich über die Ehre, die ihm seine Freunde aus der Pariser Bohéme-Szene erweisen. Sie feiern ihn, den Freizeitmaler, als einen der ihren. Eigentlich ist Rousseau beim Zoll angestellt. Bei den Kunstsammlern, die ihre Nase gerne hoch tragen, kommt das nicht gut an, ein Künstler soll gefälligst von seinem Schaffen leben können. Und dann diese kindliche Malweise - die geht gar nicht. Doch hier, auf dem Montmarte, wo die Advantgarde ihre wenigen Francs lieber in Leinwände als in Brot investiert und immer nach neuen Inspirationen sucht, ist der Zöllner ein Idol.  "Hoch lebe Rousseau!"  steht auf dem alten Leintuch, dass über den uralten Sessel gespannt ist, auf dem Rousseau thront. Sein Kopf ist weinrot und dann und wann fallen ihm die Augen zu. Er weint im Halbschlaf vor Rührung und merkt nicht einmal, wie ihm das heiße Wachs aus dem Lampignon auf die Stirn tropft.  Vielleicht träumt er gerade den Traum, dem er kurz vor seinem Tod auf die Leinwand bringt (siehe oben). Und während die meisten der ach so verständigen Kunstliebhaber längst vergessen sind, ist Rousseaus Traum im New Yorker Museum of Modern Art unsterblich geworden. Heute, am 21. Mai 2012, wäre Henri Rousseau 168 Jahre alt geworden.

Henri Rousseau Biografie weiterzwitschern:

Ein Klick auf die Eule führt zu allen Malern im Biografien-Blog Eulengezwitscher...

Kommentar schreiben

Kommentare: 0