Nachruf auf Ueli Steck

Der Bergsteiger Ueli Steck ist am Mount Everest tödlich verunglückt. Er hat sein Leben verloren, nicht seine Überzeugung: "Ein Traum ohne Vorhaben ist nur ein Wunsch."

Foto: Damiano Levati _ Storyteller-Labs, Lizenz: Ueli Steck
Foto: Damiano Levati _ Storyteller-Labs, Lizenz: Ueli Steck

"Jeder braucht Träume", davon war Ueli Steck überzeugt. Die Träume des Spitzenbergsteigers wären für die meisten Menschen Alpträume gewesen: Steile Eis- und Felswände so schnell zu erklettern, wie niemand sonst. Ueli Steck hat seine Träume ausgelebt. Immer wieder hat er Geschwindigkeitsrekorde gebrochen, unter anderem an der Eiger Nordwand.  Jetzt ist er ums Leben gekommen: Beim Versuch, zwei der höchsten Berge der Welt hintereinander zu überschreiten, ist er tödlich verunglückt.

Der Schweizer Bergsteiger Ueli Steck (1976-2017) hat gewusst, dass er sein Leben riskiert. Wie so viele Extremsportler ist es ihm aber genau darum gegangen: "Wenn du bei einem Abenteuer alles vorhersehen und kontrollieren kannst, dann ist es kein Abenteuer mehr." Das kann man verantwortungslos und leichtsinnig finden. Ich finde es bewundernswert. Steck ist nicht sorglos mit seinem Leben umgegangen. Er hat es ganz bewusst eingesetzt, um es in vollen Zügen genießen und wertschätzen zu können. Immer schon haben Menschen danach gestrebt, ihre eigenen Grenzen auszutesten. Stecks Ziel ist es gewesen, den höchsten Berg der Welt, den Mount Everest (8848 Meter) und den benachbarten Lhotse (nur unwesentlich kleiner) hintereinander in nur wenigen Tagen zu überschreiten (siehe Video).

Ihm ging es darum herauszufinden, ob ein solches Wagnis möglich ist. Er hat es nicht geschafft. Aber er hat seine Träume nicht verraten: "Ein Traum ohne Vorhaben ist nur ein Wunsch." Und mit Wünschen alleine hat sich Ueli Steck nicht begnügen wollen. Sein Tod ist tragisch, aber sein Leben war bis zuletzt erfüllt von Überzeugungen und von der Kraft, sie in die Tat umzusetzen. 

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Gudrun Ensslin: Dichterin und Henkerin

Gudrun Ensslin hat Literatur geliebt und das System gehasst. Eine neue Biografie verspricht unvoreingenommene Blicke auf die RAF-Terroristin. Das gelingt - teilweise...

Victoria Ocampo
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Gudrun Ensslins Lebensgeschichte ist Literatur: Die schöne Pfarrerstochter verflucht die Nächstenliebe, gibt sich als Braut des Bösen dem teuflischen Terror hin, ehe sie freiwillig aus dem Leben scheidet. Das ist eine Steilvorlage für Biografen. Und genau das bringt Ensslins Biografin Ingeborg Gleichauf dazu, ihre besondere Lebensgeschichte nochmal vorurteilsfrei aufzurollen - über die Literatur, die sie selbst gelesen und durchdrungen hat. Dabei zeigt sie Ensslin eher als Dichterin denn als Henkerin.

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Rätselhafte Menschen faszinieren. Gudrun Ensslin ist so ein Mensch. Ihr Lebensweg hätte sie als ehrgeizige und akribische Forscherin auf einen Germanistik-Lehrstuhl bringen können, als vielseitig belesene Lektorin in große Verlage oder sogar als Autorin in die Bestsellerlisten. Stattdessen hat sie die Wurzeln ihrer humanistischen Bildung und ihrer christlichen Erziehung gekappt und sich (selbst)mörderischer Gewalt und blindem Hass hingeben. Als RAF-Terroristin hat an der Vernichtung all dessen gearbeitet, was sie einst ausgemacht hat: Nächstenliebe (als  Tochter, Schwester, Mutter, Freundin), Weltoffenheit (als allseits interessierte Schülerin mit Auslandsjahr) und kritisches Urteilsvermögen (als Vielleserin und politische Redakteurin mit sozialdemokratischem Missionseifer).

Gudrun Ensslin ist 1940 geboren und in einer Pfarrersfamilie aufgewachsen. In der Schule ist sie beliebt und wissensdurstig. Gudrun Ensslin studiert Germanistik und schreibt ihre Doktorarbeit (teilweise mit Stipendium der Studienstiftung des Deutschen Volkes) über den Schriftsteller Hans Henny Jahn, der Gewalt ablehnt und menschliche Brutalität geißelt. Ensslin verfügt über eine scharfsinnige Beobachtungsgabe, stilsichere Formulierungskünste und eine eigene musische Begabung. Diese Wesenszüge arbeitet ihre Biografin Ingeborg Gleichauf treffsicher heraus. Die Dichterin und Dichter-Forscherin Gudrun Ensslin näher kennen zu lernen, ist das größte Verdienst dieser Biografie, die durch diese Herangehensweise eine Sonderstellung unter den direkten und indirekten Lebensbeschreibungen von Gudrun Ensslin einnimmt: Gleichauf bewirkt durch ihre profunden Analysen, dass man sich die Texte, die Ensslin geprägt haben, selbst zur Hand nimmt. Ebenso überzeugend ist es, dass sie sich nicht auf tiefenpsychologische Spekulationen zu Ensslins Männerwahl einlässt - auch wenn hier Potential wäre. Berward Vesper, ihr erster Partner, teilt Gudrun Ensslins Liebe zu Büchern, kann sich aber nicht von seinem nationalsozialistisch geprägten Vater lösen. Und ihr zweiter Partner ist Andreas Baader, der Kopf der RAF. Es fällt Ingeborg Gleichauf an manchen Stellen lesbar schwer, ihm die Verantwortung für Ensslins Radikalisierung zuzuschreiben - aber sie hält es durch, auch wenn es schwer sein mag.

Unnötig kompliziert macht es sich Ingeborg Gleichauf damit, ihren Anpruch des unvoreingenommenen Herangehens gegen andere Autoren abzugrenzen. Denn anstatt ihre Leistung für sich stehen und das Werten anderen zu überlassen, fällt sich  abschätzige Urteile über Stefan Austs RAF-Standardwerk, die unentspannt und wenig souverän rüberkommen. Und auch die Lobeshymnen auf Gerd Koenen sind insofern unangebracht, als sie die Eigenständigkeit in Frage stellen, die ihr eigenes Ensslin-Buch im breiten Angebot der Literatur zur RAF durchaus verdient. Dabei ist diese Biografie streng genommen gar kein echtes RAF-Buch. Sein qualitativer und quantitativer Fokus liegt auf den Jahren, in denen Ensslin noch nicht als Terroristin menschenverachtende Verbrechen begangen und verantwortet hat. Das ist insofern erfrischend, als die Literatur zum RAF-Terror tatsächlich kaum noch zu überschauen ist. Wer sich allerdings über diese Ensslin-Biografie zum ersten Mal mit dem RAF-Terror beschäftigt, dem hätte man die dunkle Seite der Gudrun Ensslin vielleicht noch etwas deutlicher vor Augen führen können. Dessen ungeachtet ist die diese Biografie gelungen: Ingeborg Gleichauf zeigt eindrucksvoll, dass man Menschen nicht pauschal bewerten kann und soll - auch wenn sie viel Unheil angerichtet haben.

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Thomas de Maziére: Ein Zeichen gegen den Terror

Innenminister Thomas de Maizére besucht das Spiel Dortmund-Monaco

Victoria Ocampo
© www.thomasdemaiziere.de

Dieser Stadion-Besuch dürfte Teile der Bevölkerung beruhigen: Innenminister Thomas dé Maiziere schaut sich im Moment das Champions-League-Spiel zwischen Borussia Dortmund und dem AS Monaco an. Damit setzt er ein starkes Zeichen gegen den Terror: Wir lassen uns keine Angst machen. Oder auf Fußball: Auf geht's, kämpfen und siegen!

Lizenz: CC BY-SA 2.0 de
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Nicht immer hat Thomas de Maiziére in der Krisenkommunikation gut ausgesehen, obwohl er ein  Polit-Profi ist: Er war Redenschreiber von Richard von Weizsäcker, hat die Deutsche Einheit mitverhandelt, war Chef der Staatskanzleien von Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen, Kanzleramtsminister, Bundesinnen- und Verteidigungsminister - und mittlerweile wieder Innenminister.  Im November 2015 hat der Bundesinnenminister die Absage des Länderspiels Deutschland gegen Niederlande denkbar unglücklich erklärt. Die Frage nach den Gründen hat er auf verstörende Weise offen gelassen: "Die Antwort würde einen Teil der Bevölkerung verunsichern." So bringt man keine Ruhe rein. Ganz anders heute: "Ein letztes Maß an Unsicherheit wird bleiben", sagt Thomas de Maiziére - und lässt dann Taten sprechen: Er geht ins Stadion und gibt damit die beste aller Antworten: Dieses makabre Spiel gewinnt der Terror nicht!

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Maud Parrish: Die Weltreise-Süchtige

Maud Parrish hat gehungert, um die Welt zu sehen. Ihr Reisetagebuch ist keine große Literatur, aber das authentische Zeugnis einer mutigen Frau.

Maud Parrish: Die Weltreisende

Man braucht nicht viel Geld, um die Welt zu sehen. Jedenfalls dann nicht, wenn man so verwegen drauf ist wie Maud Parrish. 1895 packt die junge Amerikanerin erst das Fernweh, dann packt sie ihren Koffer und sagt dem bürgerlichen Leben samt Elternhaus und Ehemann Lebwohl. Alleine und mittellos, aber glücklich zieht sie los. Am Ende ihres langen Lebens wird sie 17 Mal die Welt umrundet haben. Eine neue Übersetzung ihres 1939 verfassten Reisetagebuchs offenbart bemerkenswerte Einblicke.

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Maud Parrish ist keine passionierte Literatin. Eigentlich hatte sie auch nie ein Buch schreiben wollen. Vielleicht hätte sie das auch besser nicht getan – die ersten 50 Seiten sind jedenfalls harter Stoff. Parrish schreibt schnoddrig, sprunghaft und verworren: Ihr Reisetagebuch breitet sich aus wie ein Flickenteppich aus Eindrücken und Erinnerungsfetzen. So eigenwillig wie Maud Parrishs Persönlichkeit ist, so eigenwillig ist auch ihr Schreibstil. Wenn man aber die ersten Seiten durchhält, hebt der Teppich ab und man kann mit Maud Parrish um die Welt fliegen.

Im echten Leben reist sie höchstens in der Holzklasse. Regelmäßige Arbeit zum Brotwerb ist nicht ihr Ding. Lieber hungert sie den einen oder anderen Tag, als dass sie auf das Reisen verzichten würde. „Manchmal ist es sogar besser, nicht so viel zu essen. Vielleicht bin ich deshalb so gesund.“ In der Tat ist ihre körperliche Konstitution herausragend. Die üblichen Reisekrankheiten gehen fast spurlos an ihr vorüber – obwohl sie keineswegs immer medizinisch versorgt ist. Denn Maud Parrish will nicht nur Hauptstädte und Hafenstädte sehen, sie ist auch im Dschungel, im Gebirge und in der Wüste unterwegs. Sie ist in gewisser Weise reisesüchtig. „Fremde Orte bedeuten mir mehr als Menschen.“ Meistens möchte sie genau dorthin, wo man ihr ein Visum verweigert oder wo sonst irgendwelche Unwägbarkeiten ihre Pläne durchkreuzen. Aber mit den paar Brocken, die sie in vielen Sprachen aufgeschnappt hat und mit einer bis zur Verhandlungssicherheit ausgebauten Hand-und-Fuß-Verständigung kriegt sie doch meistens, was sie will. Man staunt immer wieder über die Entbehrungsbereitschaft und den Starrsinn, aber auch über die Leidenschaft und die beinahe kindliche Freude und Neugier, immer wieder entlegene Ecken der Welt zu entdecken. Es ist sicher spannend, so zu reisen, wie Maud Parrish – gut, dass man das mittlerweile auch zwischen zwei Buchdeckeln tun kann.

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Ruth Williams und Seretse Khama: Liebe gegen Apartheid

Ab Donnerstag läuft A United Kingdom in den Kinos. Die Filmbiografie über Ruth Williams und Seretse Khama ist weit mehr als eine Liebesschnulze...

A United Kingdom im Biografien-Blog
Copyright: Alamode Film

Eine weiße Frau und ein schwarzer Mann lieben sich - und alle hassen die beiden dafür. So weit, so alltäglich. Denn dass Familien etwas gegen eine solche amouröse Bindung haben, kommt 1947 noch häufig vor. Wenn sich aber auch zwei Regierungen in das Liebesleben von jungen Menschen einmischen, wird's spannend. Vor allem dann, wenn die eine Familie an der Regierung ist. Das ist dann der Stoff, aus dem große Filme gemacht werden. "A United Kingdom" läuft ab Donnerstag in den Kinos - eine Vorschau:

Copyright: Alamode Film
Copyright: Alamode Film

Seretse Khama (gespielt von David Oyelowo) ist der kommende König des afrikanischen Bechuanalands (heute: Botswana), einer Quasi-Kolonie des Britischen Empires. In London hat Seretse das vielgestaltige englische Weltreich kennengelernt: Er studiert Recht, übt sich im Boxen und tanzt Jazz. Dabei verliebt er sich in Ruth Williams (Rosamund Pike), eine brave englische Bürgertochter. Damit ist das Drama eröffnet. Der Vater von Ruth will keinen schwarzen Schwiegersohn, Königssohn hin oder her. Ende der 1940er Jahre boomt die Apartheid: die zwangsweise Tennung von Schwarz und Weiß. Und die Vertrauten von Seretse können es auch nicht fassen: eine weiße Königin mitten in Afrika? Dass dann auch noch die britische Kolonialverwaltung versucht, mit Druck und Drohungen die Eheschließung zu verhindern, bindet Ruth und Seretse nur noch enger aneinander. Dabei stehen die echten Herausforderungen noch aus: Wie wird Seretses traditioneller Stamm auf die fremde Frau reagieren? Wie soll Seretse den Konflikt mit seinem Onkel bestehen, der strikt gegen die Verbindung ist? Und wie soll eine Liebesbeziehung dem Diktat des weltumspannenden englischen Empires widerstehen? "A United Kingdom" basiert auf einer wahren Geschichte - und das ist grandios umgesetzt.

Denn der Film ist keine abendfüllende Berieselung. Die Zuschauer sind gefragt. Hier wird nichts künstlich aufgebauscht oder dramatisiert. Es ist ja auch in der Sache dramatisch genug. Die beiden Hauptdarsteller machen ihre Sache überzeugend, wenn es um die Beziehung geht. Man nimmt beiden ihre intime Beziehung ab. Die gemeinsamen, ruhigen und vertrauten Momente sind die stärksten Szenen des Films, der auch durch ansprechende Farben und eine souveräne Kameraführung besticht. Weniger stark sind die nach außen gerichteten Emotionen: Die pathetischen Reden - es gibt einige - wirken irgendwie aufgesetzt - zumindest im Vergleich zum innigen und zarten Miteinander der Eheleute Khama. Dafür zeigt der Film, wie sich die Charakterstärke und der Faktor Persönlichkeit zweier Menschen von völlig verschiedenem biografischen Hintergrund verbinden und gemeinsam dem ebenfalls anschaulich abgebildeten Zeitgeist der Apartheid entgegenstellen. Genau deshalb ist der er Film sehenswert und es ist sogar eher angenehm, dass dabei auf emotionale Überfrachtung verzichtet wird.

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