Carlo Ancelotti: Personaler auf der Trainerbank

Carlo Ancelotti trainiert den FC Bayern München. Er führt aber nicht ein Fußballlehrer, sondern wie ein Personalentwickler.

Bayern-Trainer Carlo Ancelotti im Biografien-Blog
Carlo Ancelotti. Foto: Светлана Бекетова, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Bücher von Fußballern machen sich in meiner Biografien-Bibliothek wie Groschenromane zwischen Klassikern der Weltliteratur: Sie sind etwas versteckt platziert - aber deutlich abgegriffener als die meisten anderen Titel. Zwei meiner Lieblingsautoren unter den Kickern sind Helmut Rahn und Stefan Effenberg - der mit dem Mittelfinger... Und direkt daneben steht neuerdings Bayern-Trainer Carlo Ancelotti, der am Samstag ebenfalls seinen Mittelfinger gezeigt hat...

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Aber Ancelotti ist anders. Er erzählt nicht von dramatischen Spielen, sondern von strategischen Zielen; nicht von von begnadeten Ballkünstlern mit Tigerfrisuren, sondern von akribischen Datenauswertungen; nicht von großen Gefühlen, sondern von taktisch dosierten Wutausbrüchen (wie am Samstag?);  nicht von ewiger Vereinsliebe, sondern von Projekten. "Loyalität gilt Menschen, nicht Organisationen", heißt es einem der kapitelweise eingestreuten Merksätze, "Organisationen geht es nicht um Persönliches, sondern ums Geschäft." Dieses Geschäft hat Carlo Ancelotti verinnerlicht. Sein Buch stellt nicht einzelne Trainerstationen und -erfolge in den Mittelpunkt. Ancelotti hebt stattdessen die Vereinswechsel als jeweils nächste Karriereschritte hervor. Angefangen er bei kleineren italienischen Vereinen: dem AC Reggiana und dem AC Parma. Die Erfolge führten ihn auf die harten Trainerbänke der zum Erfolg verdammten Spitzenklubs Juventus Turin und AC Mailand. Danach hat Ancelotti die besten Teams der besten europäischen Ligen trainiert: den FC Chelsea in England, Paris Saint-Germain in Frankreich, Real Madrid in Spanien - und jetzt also den FC Bayern. Jeweils analysiert er weniger die Seele des Klubs, den er gerade trainiert, sondern die Mechanismen der Organisation.

 

Victoria Ocampo im Biografien-Blog
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Carlo Ancelotti, geboren 1959, stammt aus den unter Biografen berühmten kleinen Verhältnissen. Auf gewisse Weise ist er immer der fußballverückte Junge geblieben ist, der darüber staunt, dass er in den größten Stadien der Europas die wichtigsten Titel abräumt. Sein Erfolg beruht allerdings auch darauf, dass er sich selbst aus diesem Traum aufwecken kann. Er weiß, dass Fußballvereine international nur noch wettbewerbsfähig sind, wenn sie wie global agierende Konzerne geführt werden. Dieses Prinzip ist in den Vorstandsetagen längst angekommen. Ancelotti lebt es aber auch im sportlichen Bereich. Er schult seine Mannschaften nicht wie ein Fußballlehrer - dafür hat er Spezialisten, die er auch gerne von Verein zu Verein mitnimmt. Ancelotti betreibt Personalmanagement auf hohem Niveau. Er spricht nicht als Sportler zu Sportlern, er spricht als Führungskraft zu Fachkräften: ruhig, überlegt, immer auf Respekt bedacht  Und er geht davon aus, dass sein Führungsstil nicht nur im Spitzensport ein Erfolgsmodelll ist: Deshalb hat er das Buch über seine "ruhige Philosophie" als eine Art Ratgeber für Führungskräfte geschrieben. Kapiteln über Kultur, Verantwortung oder Zusammenarbeit sind zusammenfassende Merksätze angehängt, die für sich zwar - typisch Ratgeber - wie Allerweltsweisheiten daherkommen, aber im Gesamtzusammenhang mit Ancelottis Beispielen und Anekdoten doch Überzeugungskraft entfalten. Das gilt allerdings nicht für die ebenfalls eingestreuten Lobhudeleien von allen möglichen Superstars von David Beckham über Zlatan Ibrahimovic und Cristiano Ronaldo bis zu Toni Kroos. Fast scheint es, als müsse sich Ancelotti den Erfolg seines Stils nochmals bestätigen lassen, um glaubwürdiger zu werden. Das Gegenteil ist der Fall. Soviel überschwängliche Verehrung macht eher skeptisch - jedenfalls mehr, als die lange Titelliste in Ancelottis Lebenslauf.

Fazit: Unterhaltsamer und bisweilen lehrreicher Ratgeber für Führungskräfte mit Fußball-Faible.

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Johnny Cash: Dunkle Stimme, dunkles Leben

Johnny Cash ist ein Country-Held. Sein Leben hatte er nicht so gut im Griff wie seine Gitarre. Lesenswert ist es trotzdem...

Victoria Ocampo
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Eigentlich wollte Johnny Cash nur angeln. Mit seinem Wohnmobil ist er zu dem Weier im Wald gefahren. Unterwegs hat er sich Tabletten eingeworfen. Cash schluckt Aufputschmittel. Er braucht das, obwohl er alles hat, was ein Mann braucht: Familie und einen Traumjob als gefeierter Country-Musiker. Im Rausch hat er den Wald angezündet. Jetzt brennt alles lichterloh - auch sein Leben - und hätte sein Neffe nicht Hilfe geholt, wäre auch Cash verbrannt.

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Die Stimme von Johnny Cash ist unverkennbar: Dieser klare und doch brummige, volle und doch verletzliche tiefe Sound seines Bassbaritons ist nicht nur sein musikalisches Markenzeichen. Er lässt tief in die Abgründe der Lebensgeschichte dieser legendären Country-Ikone blicken. Mann in Schwarz haben sie ihn genannt - und auch hier muss man nicht nur an die typische Kleidung von Johnny Cash denken - es trifft auch auf seine geschundene Seele zu. Cash ist ein Lebenskünstler und ein Lebensversager. Einer, der alles erreicht hat: Familie und Fans, Geld und Ruhm - und einer, der all das ruiniert, weil er sich derbe gehen lässt und seiner Tablettensucht das Spiel seines Lebens überlässt. Ein Biograf, der sich anschickt, diesen Widerspruch zu erklären, braucht braucht Platz, viel Platz. Robert Hilburn hat sich über 800 Seiten gegönnt: Das wiederum ist der Albtraum des Rezensenten. Aber dieses Mammutwerk ist ein Meisterwerk: Eine intimes Lebensgemälde, das auf einer Staffelei mit drei Beinen steht: Auf der unverhohlenen Bewunderung für den Künstler Cash, auf dem einfühlsamen Umgang mit der labilen Psyche eines innerlich vereinsamten Superstars - und auf der kompromisslosen Verurteilung des unverantwortlichen Lebenswandels von Johnny Cash.

Victoria Ocampo im Biografien-Blog
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Es wäre leicht, Johnny Cashs Lebensgeschichte in Sterotypen zu erzählen: Der Junge, der Gospels singt und dem die Mutter nicht nur das Leben schenkt, sondern auch die Gitarre, die ihn berühmt macht. Die Ehe mit Vivian, die schwierigen ersten Karriereklänge, das Familienglück von vier Töchtern, der musikalische Durchbruch, das Abrutschen in die Tablettensucht, die Verhaftung wegen Drogenbesitzes, Scheidung, Selbstmordversuche, neue Liebe, legendäre Konzerte (beispielsweise im Folsom-Gefängnis), Weltruhm. Cashs Biograf Hilburn macht es sich nicht so einfach. Er hat nicht den Drang, nur die Skandale oder familiären Tragödien zu zeigen, sondern das ganze Bild. Dazu zählen Song-Analysen, Zeitzeugen-Interviews, Einordnungen und eine Tendenz zur Vollständigkeit, die manchmal an Unerbittlichkeit grenzt (zum Beispiel bei der Fülle an Namen von Weggefährten, Partnern und Managern). Es es selten, dass eine Biografie nichts allzu sehr  beiseite lässt und nichts allzu sehr aufgebauscht. Robert Hilburn hatg das geschafft - und Johnny Cash ein echtes Denkmal errichtet.

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Frühlingserwachen mit neuen Büchern

Das Eulengezwitscher erwacht aus dem Winterschlaf. Heute gibt's eine kleine Vorschau auf die nächsten Buchtipps...

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Pionier_in: Von Hermann zu Helga

Helga war 40 Jahre lang Hermann. Nur wenige Menschen vor ihr haben ihr Geschlecht anpassen lassen. Ein Lebensbericht.

Helga F.
Helga F., Lizenz: S. Fischer Verlage

Hermann will sterben. Das Leben fühlt sich falsch an, ganz falsch. Hermann ist ein verheirateter und selbstständiger Familienvater. Aber er fühlt, denkt und handelt als Frau. Das ist heute noch problematisch, 1971 ist es fast undenkbar. Trotzdem lässt Hermann als einer der ersten Menschen sein Geschlecht anpassen. Heimlich. In Casablanca. Jetzt blickt  Helga auf zwei Leben zurück.

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Das erste Leben beginnt verkorkst: Die Mutter schaut lieber nach anderen Männern als nach ihrem Kind. So merkt sie auch nicht, dass sich Hermann in seinem Körper nicht wohlfühlt. Als Jugendlicher rebelliert er gegen sein Geschlecht. Er versucht, sich den Penis abzuschneiden, schreckt aber vor Blut und Schmerzen zurück. Vorerst fügt er sich in sein Schicksal und macht dcas gar nicht übel: Hermann heiratet, zeugt zwei Söhne, eröffnet einen kleinen Laden und führt ein typisches, bürgerliches  Wirtschaftswunderleben. Tagüber. Nachts zieht er Frauenkleider an und um die Blöcke. Als die Nachbarn misstrauisch werden, zieht er mit seiner Familie aufs Land. Das löst seine Probleme ebensowenig wie ein Selbstmordversuch.

Anstatt sich das Leben zu nehmen, wagt er den Sprung in ein neues Leben. Er wendet an Profimediziner und hat Glück: Die Uniprofessoren nehmen ihn ernst und bestätigen ihm nach besten wissenschaftlichen Testmethoden, dass er wie eine Frau tickt. Hier hätte man gerne erfahren, woran die Unterschiede zwischen weiblicher und männlicher Wesensart festgemacht werden, aber dafür bleibt in der sehr offenen und berührenden Autobiografie keine Zeit. Denn nun geht es mit dem Flieger nach Casablanca, wo aus Hermann operativ Helga wird.

Beim Lesen ist ein Punkt erreicht, wo man sich hilflose Fragen stellt: Kann das gut gehen? Was wird aus der Familie? Wie reagiert die Gesellschaft auf diesen gewagten Schritt. Kaum eines der vermuteten Probleme tritt ein. Die Liebe seiner Nächsten ist stärker als die Festlegung auf ein Geschlecht. Zwar wird die Ehe geschieden, aber das ist mehr eine Form des Freigebens. Problematischer sind die Reaktionen der Männer. Für Helga, die Taxi fährt, haben die Kollegen kein Verständnis. Wenn sie wüssten, welche Herausforderungen Helga zu bewältigen hat. Die Zuneigung zum anderen Geschlecht ist auch in ihr als Frau nicht erloschen und die Schwierigkeiten der körperlichen Lieben bewegen sie sosehr, dass sie ihrer Autobiografie selbst intimste Details anvertraut. Trotz allem blickt sie zufrieden auf ihr zurück, das seit einiger eine weitere fast undenkbare glückliche Wendung genommen hat. 

Fazit: "Helga" ist keine Travestieshow für Voyeure und Berufsaufreger. Es ist ein faszinierender Bericht über das normale Leben in einer dauerhaften Ausnahmesituation. Helga gibt ein angenehm leicht lesbares Zeugnis davon, wie schwerwiegend es ist, im falschen Körper zu leben. Es lohnt sich, sich auf dieses Problem einzulassen. Helgas bemerkenswert intime Memoiren sensibilisieren für die Tragweite dieses inneren Konflikts, der leichter mit einer fröhlichen Grundhaltung gemeistert werden kann. 

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Otto von Bayern: Der dienstunfähige König

Otto von Bayern hat nie regiert. Der Bruder des Märchenkönigs ging an einer Geisteskrankheit zugrunde. Ein Blick ins Dunkel...

Victoria Ocampo
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Die Frauenkirche ist rappelvoll. Die Münchner feiern Hochamt. Plötzlich stürmt ein panischer junger Mann ins das Gotteshaus. Er hastet zum Altar, fällt auf die Knie und bittet um Vergebung. Die Menge tuschelt. Das ist doch Prinz Otto. Ist der nicht mehr ganz normal?

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Liegt es an der komplizierten und frühzeitigen Geburt? Oder an den Ängsten, die seine Mütter während der Schwangerschaft heimgesucht haben? Oder an der unerbittlichen Ausbildung, die er als Königssohn und möglicher Kronprinz durchlaufen muss? Ist er zu sensibel für die Macht? Das kann sich ein Herrscherhaus wie das der Wittelsbacher nicht erlauben. Otto wird ganz normal auf die Regierungsverantwortung vorbereitet. Er nimmt für Bayern sogar an der Ausrufung des Deutschen Kaiserreiches im Spiegelsaal von Versailles teil. Trotzdem: Schon in frühen Jahren wird Otto von Beklemmungen und Wahnvorstellungen gepeinigt. Eine Zeit lang kann die Wittelsbacher Königsfamilie das einigermaßen erfolgreich verbergen: Nach dem Domsturm muss man Otto selbst verbergen. Es ist ein biografischer Wendepunkt: In Märchenschlössern verwahrt zu werden ist fortan das Schicksal des Prinzen. Seine Lebensgeschichte sich vollends in eine Leidensgeschichte. Zwar wird er offiziell König, als sein ebenfalls zunehmend geistig umnachteter Bruder Ludwig II. im Starnberger See ertrinkt. Regieren aber werden in  den knapp drei Jahrzehnten seiner Amtszeit immer Andere.

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Eine neue Biografie nimmt sich dieses  tragischen bayrischen Königs verständnisvoll an, der nicht nur im Schatten der Macht gelebt hat (so der Untertitel), sondern auch in geistiger Umnachtung. Jean Louis Schlim hat keinen Psychothriller vorgelegt, obgleich Ottos Leben diesen Stoff durchaus hergeben würde. Er beschränkt sich darauf, kommentierender Chronist zu sein (leider ist auch der Schreibstil manchmal etwas dröge). Das nimmt der Dramatik etwas den Schwung, wird aber dem schwermütigen Menschen Otto durchaus gerecht. Und dies ist die wichtigste Leistung des Buches: Hier geht es nicht um einen Glanz- und Glamourkönig, sondern um einen traurigen und bedauernswerten Menschen, den auch das blaue Blut nicht davor schützt, allmählich dahinzudämmern. Dazu bietet die Biografie im wahrsten Wortsinn viele Lebensbilder, da sie liebevoll und stilsicher illustriert ist. 

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