Gysi und Schorlemmer: Rot und Verklärung?

Der einstige SED-Politiker Gregor Gysi und der Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer erinnern sich an die ehemalige DDR 

Foto: Vincent Eisfeld - Own work. Licensed under CC BY-SA 4.0
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Treffen sich zwei Welterklärer. Wer hat mehr zu sagen: Der Politiker oder der Prediger? Nicht immer ist das eine Frage von Redezeit. Schon gar nicht, wenn Gregor Gysi und Friedrich Schorlemmer miteinander über die DDR sprechen, die sie beide geprägt hat und die sie geprägt haben: Gysi als oberster Parteigenosse, Schorlemmer als Friedenspfarrer. Gysi hat die DDR politisch überlebt, Schorlemmer hat sie überwunden.  Jetzt, ein Vierteljahrhundert später, schaut man gemeinsam zurück. Das Protokoll der Begegnung, veröffentlicht als Hörbuch, ist durchaus kurzweilig geraten - wenn man politische Utopien mag.

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Man kennt sich. Man schätzt sich. Und man siezt sich. Dieser bürgerlich-formale Umgang überrascht bei diesem kollektiven Erinnern zweier linker Urgesteine. Gregor Gysi, Jahrgang 1948, hat sowohl in der DDR als auch in der Bundesrepublik politische Spitzenämter ausgefüllt. Der um vier Jahre ältere Friedrich Schorlemmer hat als kreativer und kritischer Kirchenmann Schwerter zu Pflugscharen umgeschmiedet, was in der DDR politischer Widerstand war. Zur Sicherheit legt Schorlemmer schon mal fest, wer ihn im Zweifel als Rechtsanwalt verteidigen soll. Der Name Gysi steht auf seinem Zettel.

Foto: Ferran Cornellà. Lizenziert unter CC-BY-SA 4.0
Foto: Ferran Cornellà. Lizenziert unter CC-BY-SA 4.0

Zum Glück hat er seine juristischen Dienste nie benötigt. Trotzdem wirkt  Schorlemmer in diesem Erinnerungsgespräch mit Gysi nicht wirklich befreit. Gelacht wird jedenfalls selten. Selbst der halbwitzige Einstieg des ebenfalls linken Moderators Hans-Dieter Schütt, der nach Gysis Krawatte und Schorlemmers offenem Kragen fragt, geht irgendwie schief.  Schorlemmer strahlt einen heiligen Ernst aus, wenn über Jugend in der DDR, politische Sozialisierung, demokratischen Sozialismus und politische Theorie und Theologie von Marx bis Jesus gesprochen wird. Für ihn ist das nicht ein Gespräch unter vielen. Schorlemmer kann nicht verbergen, wie akribisch er sich vorbereitet hat und welche Botschaften er vermitteln will: Ihm geht es darum, manche gesellschaftstheoretisch gute Idee von ihrer ins Gegenteil verkehrten Umsetzung im Unrechtsstaat DDR zu lösen. Rot ja, Verklärung nein! Schorlemmer geht es um den Sinn und den Nutzen politischer Utopien. Anders als Gysi hat er nach der Wende die ganz große politische Bühne verlassen. Aber genau dorthin katapulitiert ihn das Gespräch mit dem einstigen Oppositionsführer im Deutschen  Bundestag zurück. Ein bißchen hört er sich an, wie bei einer großen, letzten Predigt. Ihm geht es um die großen Linien. Deshalb nimmt sich selbst zurück. Und das nimmt ihm die Lockerheit.

TRIALON/Kläber - http://archiv2007.sozialisten.de/service/ download/fotos/gysi/index.htm. Lizenziert unter Attribution.
TRIALON/Kläber - http://archiv2007.sozialisten.de/service/ download/fotos/gysi/index.htm. Lizenziert unter Attribution.

Ganz anders Gregor Gysi. Der erzählt gelöst und garniert mit mancher Prise Witz Schwank um Schwank aus seinem Leben. Wie er als kleiner zorniger Junge die Russen gegen (berechtigte) Anschuldigungen verteidigt hat beispielsweise - oder wie er zu Hegel und Marx gefunden hat. Der streitbare Politiker Gysi resümiert sein Lebenswerk mit feiner Selbstironie - und manchmal sogar mit unerwarteter kritischer Distanz zu sich selbst. Politische Utopien fangen für ihn eigentlich erst an der Schwelle zum Machbaren an, was aber nicht heißt, dass Gysi keinen Platz für utopien lässt. Das alles wäre noch glaubwürdiger, wenn er sich nicht dauernd in die typischen Politiker-Floskeln fallen würden - "Ich will Ihnen auch erklären warum..." - und wenn er sich etwas souveräner mit den bis heute nicht verstummten Vorwürfen auseinander gesetzt hätte, er sei Inoffizieller Mitarbeiter der Stasi gewesen. Dieses für ein Erinnerungsgespräch so wichtige biografische Thema wird nur gestreift - ohne dass eine unbefangene Auseinandersetzung stattfindet. 

Überhaupt fehlt dem Gespräch leider ein bißchen der rote Faden. Gysis unterhaltsame Anekdoten und Gedanken und Schorlemmers oftmals pathetisch-gewichtiges Resümieren stehen über weite Strecken recht unvermittelt nebeneinander. Der an sich angenehm zurückhaltende Moderator Hans-Dieter Schütt lässt beide mehr oder weniger aneinander vorbeireden. Ein Streitgespräch entwickelt sich nicht zwischen den beiden ehemaligen Wort- und Meinungsführern entgegengesetzter Strömungen. Das ist schade. Denn eine echte Kontroverse von praktisch orientierten linken Welterklärern hätte was gehabt. Denn schon so ist das Gespräch der beiden zwar nicht locker, aber spannend.

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