Antoine Leiris: Triumph über den Terror

Antoine Leiris ist Terror-Witwer. Seine Frau hat er verloren. Gewinnen lässt er die Terroristen trotzdem nicht.

Antoine Leiris
Antoine Leiris. Foto: Sandrine Roudeix, Lizenz: Ramdomhouse

Hélène tanzt in den Tod. Die junge Mutter stirbt im Bataclan in Paris. Terroristen nehmen ihr das Leben. Zurück bleiben ihr kleiner Sohn Melvil und ihr Mann Antoine. Antoine hat seine Frau verloren. Gewinnen will er ihre Mörder nicht lassen. „Freitag Abend habt ihr das Leben eines außerordentlichen Wesens geraubt, das der Liebe meines Lebens, der Mutter meines Sohnes", schreibt er bei Facebook, „aber meinen Hass bekommt ihr nicht.“

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Antoine Leiris hat diesen Brief kurz nach dem Attentat geschrieben. Terroristen hatten am 13. November 2015 im Pariser Club Bataclan 89 Menschen getötet, darunter auch Hélène. Der millionenfachen Klick-Anteilnahme in den Sozialen Netzen folgt jetzt die Geschichte hinter dem Brief: Ein gleichermaßen intimes wie literarisches Tagebuch vom Start in das Leben nach dem Terror. Dieses Hörbuch sollten alle hören, die vor einem Jahr den entwaffnenden Brief gelikt, geteilt, übersetzt oder kommentiert haben. Denn es ist etwas anderes, dem Terror rhetorisch die Stirn zu bieten, als lebenslang mit seinen Folgen leben zu müssen.

Antoine Leirise im Biografien-Blog
Foto: Céline from Dublin, Ireland. Lizenz: CC BY-SA 2.0

Hélène, die im Bataclan gestorben ist, wird ihrem Sohn nie wieder vorlesen können und sie wird ihren Mann nie wieder küssen. Was das Buch noch eindrücklicher vermittelt als der Brief oder als tagelange Sondersendungen nach bestürzenden Anschlägen: Terror trifft nicht nur eine Lebensweise, ein Land, oder irgendwelche Leute Es trifft Menschen mit Familien und Freunden. Es kann mich treffen - oder Dich. Bedrückend detailliert beschreibt Antoine Leiris die quälenden Stunden der Ungewissheit nach dem Anschlag und die ersten schrecklichen Tage mit der bitteren Wahrheit. Immer wieder streut er Erinnerungen an Hélène ein, die sie im Laufe des Hörbuches unnatürlich lebendig wirken lassen. Je enger man sie kennen lernt, desto schmerzhafter und eindringlicher ist ihr gewaltsamer Tod. 

Antoine Leirise im Biografien-Blog
Lizenz: Gemeinfrei

Antoine Leiris kontrastiert den Ausnahmezustand mit den unausweichlichen Alltagsroutinen: Melvil will gefüttert und gewickelt werden, der Gasmann will den Zähler ablesen und so  weiter und so fort. Auch nachdem die Weltgeschichte ihren Blick von Paris wieder auf andere Schauplätze des Schreckens richtet, müssen Antoine Leiris und sein Sohn mit ihrem Schicksal leben. Umso beeindruckender ist sein Vorbild, sich dem Terror auch emotional nicht zu beugen. "Ihr wollt, dass ich Angst habe, dass ich meine Mitbürger mit misstrauischem Blick betrachte, dass ich meine Freiheit der Sicherheit opfere. Verloren. Der Spieler ist noch im Spiel." Und doch geht von diesem Buch in seiner schonungslosen Intimität und Detailtreue eine gewisse Gefahr aus: Manche erschütternde und bewegende Momente bewirken gerade das, was Leiris überwinden will: Das Gefühl von Angst und mitfühlender Ohnmacht. Aber überwunden werden kann eben nur, was da ist. Und das gilt auch für Angst und Ohnmacht...

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Fidel Castro: Tod eines Träumers

Fidel Castro ist tot. Der ewige Revolutionär hat sich auf Kuba sein eigenes Utopia geschaffen - und es dann zerstört.

Fidel Castro im Biografien-Blog
Foto: Marcelo Montecino, CC BY-SA 2.0

Fidel Castro war ein Träumer. Er hat von einer gerechten und guten Gesellschaft geträumt - und er hat dafür gekämpft: Als ewiger Revolutionär hat er sich sein ganzes Leben gegen vermeintliche Ungerechtigkeit und Unterdrückung gewehrt. Kuba hätte sein Utopia werden sollen: eine Insel der glückseligen Sozialromantiker. Doch dieser Traum hat sich als Alptraum entpuppt - und Castro als einer der Menschen, die er selbst immer bekriegt hat: als skrupelloser Karibik-Diktator.

Fidel Castro und Camilo Cienfiegos
Fidel Castro und Camilo Cienfiegos

Fidel Castro ist einer der Menschen, die mich am meisten faszinieren. Was ist das für ein Mann, der sein Leben für Ideale riskiert, die er dann verrät und entehrt? Das sozialromantische Programm seiner Revolution liest sich auf dem Papier wie eine Utopie für das 20. Jahrhundert: Der junge Castro beschwört die Freiheit, die Gerechtigkeit und die Brüderlichkeit. Er sagt dem Staatsterror den Kampf an und verspricht eine rechtsstaatlich verfasste und liberale Gesellschaftsordnung, die Wohlstand und Wohlbefinden für alle bringt.   

Als junger Rechtsanwalt und Studentenführer streitet Fidel Castro gegen den kubanischen Militärdiktator Batista und für seine Vorstellungen von Demokratie. Zumindest gibt er das vor. Kaum, dass seine siegreiche Revolution den Tyrannen vertrieben hat, sitzt aber auch schon der nächste große Unterdrücker in Havanna. Anfangs jubeln ihm die vermeintlich befreiten Kubaner euphorisch zu, weil Castro die amerikanischen Konzerne enteignet und den Großgrundbesitz auf die armen Landbauern verteilt. Sie bewundern ihn dafür, dass er den wutschnaubenden US-Politikern in Washington trotzig die Stirn bietet (auch wenn er sich dafür den Sowjets andienen muss). Sie freuen sich über bessere Bildung und Gesundheitsversorgungen, und sehen geflissentlich darüber hinweg, dass Castros Kuba auch nichts anderes als eine Zweiklassengesellschaft ist. Sie feiern einen Volkstribunen, der als Guerillero selbst mit dem Gewehr für die Freiheit seiner Heimat gekämpft hat und der als Staatenlenker selbst mit der Machete das Zuckerrohr schneidet. Bis heute wird dieses Bild gepflegt. Die Wahrheit sieht seit Jahrzehnten anders aus.

Foto: Uhl
Foto: Uhl

Castros Klinge trifft nicht nur das Zuckerrohr. Seit den ersten Tagen der erfolgreichen Revolution räumt er erbarmungslos jeden aus dem Weg, der ihm nicht mehr bedingungslos folgt - oder ihm auch nur gut ins Gewissen redet. Selbst engste Vertraute und Waffenbrüder des Guerillakampfes sind vor Castro nicht sicher. Schauprozesse zementieren die konsequent errichtete Castro-Diktatur, die im Lauf der Jahrzehnte zum eigenen Denk- und Mahnmal erstarrt. Denn wirtschaftlich liegt Kuba am Boden und kaum eine der unzähligen Reformen schlägt an.  Lediglich die unermüdliche Revolutionsrhetorik des maximo lider ("Vaterland oder Tod! Wir werden siegen!" ) gaukelt bald noch den ewigen Fortschritt vor. Tatsächlich verwaltet das Castro-Regime die längste Zeit seines Bestehens den Stillstand. Dass sich Castro an der Macht halten kann, verdankt er auch seinem wohl wichtigsten - wenn auch unfreiwilligen - Verbündeten: den USA. Deren kompromissloses Wirtschaftsembargo ist eine willkommene Begründung dafür, dass die kubanische Konjunktur nicht so richtig anspringt. Und die politischen und militärischen Intrigen der USA gegen das Castro-Regime verklären den Despoten zum tapferen Idealisten, der sich einer Weltmacht nicht beugen will. Unter dem Träumer Castro ist Kuba in einen jahrzehntenlangen Tiefschlaf gesunken. Jetzt, da Fidel Castro selbst für immer eingeschlafen ist, wird sich zeigen, ob Kuba wieder erwacht... 

Mehr über Fidel Castro gibt's in der Biografien-Serie zur Kubakrise:

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Hoeneß und Landauer: Sterne des Südens

Uli Hoeneß steht vor seinem Comeback als Bayern-Präsident. Aber ihm fehlt das Format seines Vorgängers Kurt Landauer.

Foto: Harald Bischoff,  Lizenz: CC BY-SA 3.0
Foto: Harald Bischoff, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Heute wählen die Bayern ihren neuen Präsidenten. Es dürfte ein  alter Bekannter werden: Uli Hoeneß. Nach verbüßter Haftstrafe kehrt der Meister-Macher und Millionen-Betrüger zurück an die Vereinsspitze. Schon einmal ist ein Bayern-Präsident triumphal zurückgekehrt: Kurt Landauer. Aber sein Comeback endete tragisch...

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Uli Hoeneß ist eine lebende Legende: Weltmeister 1974, tragischer Elfmeterschütze im EM-Finale 1976, Sportinvalide, erfolgsverwöhnter Bundesliga-Manager, Millionen-Macher als Wurstfabrikant und Millionen-Betrüger als Steuer-Sünder: Präsident des FC Bayern zu sein hätte sein Lebenswerk krönen sollen. Aber dann kam es anders: Hoeneß hat im großen Stil Steuern hinterzogen und dafür im Gefängnis gesessen. Juristisch hat er seine Strafe verbüßt, auch wenn manche über den vermeintlichen Promi-Bonus lästern. Das ist Quatsch. Der Rechtsstaat will ja gerade bewirken, dass Straftäter resozialisiert werden. Das gilt natürlich auch für Uli Hoeneß. Und er hat seine Strafe auch unerwartet demütig aufgenommen und - anders als viele andere Gefangene - unter öffentlicher Beobachtung angetreten. Das war eher ein Promi-Malus. Wie dem auch sei. Hoeneß hat rechtlich für seine Verfehlungen gerade gestanden. Ob er aus moralischer Perspektive noch einmal in das honorige Amt des Bayern-Präsidenten zurückkehren sollte, steht auf einem anderen Blatt. Wer wie er anderen jahrzehntelang die Leviten gelesen hat - dem Trainer Christoph Daum für dessen Drogen-Missbrauch, den eigenen Fans für die maue Stimmung im Stadion - würde wahre Größe beweisen, nach solchen Verfehlung nicht in eine öffentliche  Vorbildrolle wie die des Bayern-Präsidenten zurückzukehren. 

Ganz anders liegt der Fall bei Kurt Landauer. Der erste große Bayern-Präsident hat mit seiner unermüdlichen Arbeit das Fundament des späteren Rekord-Meisters gelegt. Landauer hat die Bayern in den 1920er Jahren aus dem Amateurfußball in die Professionalität geführt. Als gewiefter Geschäftsmann und leidenschaftlicher Sportsmann hat er moderne Strukturen etabliert, den den Wirtschaftsfaktor Vereinsfußball erkannt, die Marke FC Bayern geschaffen und als Präsident die erste Meisterschaft geholt. 1932 war das. Dann wird es dunkel in Deutschland. Hitler greift nach der Macht und Bayerns Meister-Macher landet im Konzentrationslager - Landauer ist Jude und unter den Nazis seines Lebens nicht mehr sicher. Er kann fliehen und geht ins Exil. Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrt er zurück - und wird noch einmal zum Bayern-Präsidenten gewählt. Dieses Comeback hat Stil. Landauer zeigt echte Größe und ist - trotz mancher bissiger Bemerkung - nicht nachtragend, auch wenn er jeden Grund hätte. Trotzdem endet dieses Comeback tragisch. Landauer wird zwar zunächst gefeiert, verliert aber dann seine Wiederwahl - und geht verbittert.

Kurt Landauer
Foto: Blowjoe98 Lizenz: CC-BY-SA 4.0

Es gibt viele Bücher über den FC Bayern und auch Biografien über Uli Hoeneß sind keine Mangelware. Trotzdem möchte ich heute ein anderes Buch empfehlen: Die Lebensgeschichte von Kurt Landauer. Erzählt hat sie der Journalist Dirk Kämper - und er hat das richtig gut gemacht. Dieses Buch ist eine lange und zugleich kurzweilige Reportage. Im szenischen Präsens teilweise rasant geschrieben ist das Landauer-Porträt eine gelungene Mischung aus solide recherchierter Biografie und Sport-Roman. Nicht jedes Details - beispielsweise die Gestiken und Mimiken in Gesprächen - kann wirklich quellengetreu überliefert sein. Aber das macht den Charme dieses Buches aus. Landauer und seine Zeitgenossen kommen lebendig rüber und man kann richtig mitfiebern: zum Beispiel bei den Überedungsversuchen, endlich Spielergehälter einzuführen oder beim Meisterschaftsfinale 1932. Trotzdem hat man am Schluss eine fundierte Vereinsgründungsgeschichte gelesen - und noch ein bißchen mehr Respekt vor den Bayern... 

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Pilates und Feldenkrais: Bewegte Biografien

Pilates und Feldenkrais sind weltberühmt. Die Männer hinter den Methoden sind es nicht. Ein Blick in ihre Biografien.

Joseph Pilates (links), Foto: KPilates - Own work, Licensed under CC BY-SA 4.0. Moshe Feldenkrais (rechts),  Foto: International Feldenkrais Federation. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0
Joseph Pilates (links), Foto: KPilates - Own work, Licensed under CC BY-SA 4.0. Moshe Feldenkrais (rechts), Foto: International Feldenkrais Federation. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0

Joseph Pilates und Moshé Feldenkrais sind Männer mit Methode. Beide haben Bewegungsabläufe und Übungen entwickelt, mit denen der Körper trainiert und die Seele gestreichelt werden. Bewegungen bestimmen nicht nur die von Pilates und Feldenkrais - auch ihre Lebensgeschichten sind bewegt. Ein Blick hinein:

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Joseph Pilates (1883-1967) und Moshé Feldenkrais (1904-1984) sind auf ähnlichen Wegen durchs Leben gegangen - wenn auch aus ganz verschiedenen Gründen. Beide sind  Auswanderer: Pilates zieht es aus Mönchengladbach nach Amerika, wo er sich größere Freiheiten verspricht. Feldenkrais flieht aus Osteuropa vor dem Judenhass nach Palästina - um überhaupt in den Genuss von so etwas wie Freiheit zu gelangen. Beide sind erfolgreiche Kampfsportler: Pilates früh ausgeprägter Körperkult findet im Boxen eine biografische Zwischenstation, Feldenkrais ist begeisterter Judoka. Er engagiert sich auch in der zioniostischen Bewegung "Die Verteidigung" (Haganah). Beide haben Erfahrungen im Handwerk: 

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Pilates ist gelernter Bierbrauer, Feldenkrais hat auf dem Bau geschafft und Tel Aviv mit aufgebaut. Und beide haben eine Schwäche für schöne Frauen. Feldenkrais ist ein Mädchenschwarm, Pilates eher ein Schwerenöter, der seine Familie vernachlässigt und selbst im hohen Alter gerne mal seine Hände bei Schülerinnen dort hinlegt, wo sie - Übung hin, Übung her - nichts zu suchen haben. Und beide Männer suchen lebenslang danach, im Einklang mit sich und dem Leben zu leben. Während Feldenkrais zu innerer Ruhe und Gelassenheit findet, ist Pilates von einer inneren Unruhe getrieben, der an den eigenen, hohen Ansprüchen scheitert. Man könnte eine good guy, bad guy Geschichte über die beiden Männer schreiben, die mit ihren Bewegungslehren einflussreiche Bewegungen gegründet haben.


Das wäre allerdings zu undifferenziert. Deshalb ist es schön, dass mit sich mit Eva Rincke (Pilates) und Christian Buckard (Feldenkrais) zwei unabhängige Autoren den Männern mit Methode zugewandt haben. Keiner der beiden Biografen verheimlicht seine Verehrung für den jeweiligen Protagonisten. Bei Pilates scheint das schwerer zu fallen: Seinem beeindruckenden Lebenswerk, das er nahezu aus dem biografischen Nichts errichtet, ist überschattet von charakterlichen Schwächen, die Joseph Pilates nicht ins beste Licht setzen. Trotz mancher unsympathischer Eigenschaft vermittelt Eva Rincke ihre Begeisterung für Pilates - auch, indem sie lebhaft über ihre von persönlicher Neugier und Bewunderung getragene Recherche  schreibt. So moderiert sie dann auch verständnisvoll und relativierend (manchmal zu sehr) über Pilates schwierige Persönlichkeit hinweg. Rincke ist eine Erzählerin, Buckard eher ein Berichterstatter. Bei ihm nehmen die außerbiografischen Erklärungen und Einordnungen größeren Raum ein, ohne dass der Text dadurch langweiliger wäre. Er ist verschiedenartig, aber gleichwertig. Beide Biografien sind gut gelungen und zeigen die Männer hinter der Methode.

Fazit: Zwei bewegende Biografien über Leben mit und für die Bewegung.

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Raymond Unger: Lange Schatten des Krieges

Raymond Unger leidet unter den Kriegstraumata seiner Familie und arbeitet sie in Gemälden und zwischen Buchdeckeln auf.

Raymond Unger
Lizenz: Raymond Unger

Am Volkstrauertag gedenken wir den Opfern der Kriege. Nicht alle sind im Feld gefallen oder in den Bombennächten umgekommen. Manche Kriegsgeschädigte haben selbst gar keinen Waffengang erlebt - so wie Raymond Unger. Der Maler nennt sich Kriegsenkel arbeitet und die Traumata seiner Vorfahren auf.

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An Krisen und Katastrophen mangelt es nicht in Raymond Ungers Familienchronik: Ein Großvater erleidet im ersten Weltkrieg erst im Schützengraben, dann im U-Boot schwerste Verwundungen, eine Großmutter wird erst als ihrer Heimat (der Wölfe) in Bessarabien umgesiedelt, und dann vertrieben. Ein Onkel erlebt, wie Hamburg ausgebombt wird, der Vater ertränkt die Erinnerungen an Krieg und Elend im Alkohol, während die Mutter eine Affäre mit dem Nachbarn beginnt. Die Cousine, die all das Elend eigentlich schon überwunden und sich einen Millionär mit Villa in Italien geangelt hat, geht fremd, verliert ihr Leben im Luxus und stirbt früh.

So eine Familiengeschichte härtet ab. Tatsächlich sieht Raymond Unger nicht gerade sensibel aus. Sein grimmiger Blick hat etwas bedrohliches, seine Glatze und sein angegrauter Vollbart verleihen ihm ein markantes, selbstsicheres Erscheinungsbild. Auch viele seiner Bilder kommen düster, aggressiv oder blutrünstig rüber (hier geht’s zur Galerie auf der Künstlerhomepage). Zwischen den Buchdeckeln seiner Autobiografie zeigt sich Raymond Unger ganz anders: Verunsichert und verstört, verletzlich und auch ein bisschen verbittert. Er nimmt sich seiner tragischen Familiengeschichte an, um sie endlich zu überwinden.

Bessarabische Bäuerinnen bei der Ernte (Foto: Bundesarchiv, B 145 Bild-F016200-34 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0)
Bessarabische Bäuerinnen bei der Ernte (Foto: Bundesarchiv, B 145 Bild-F016200-34 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0)

Für Raymond Unger sind die verdrängten Erlebnisse seiner Familie von klein auf präsent. Seine Eltern findet er wenig empathisch, der Vater habe sogar seine Tauben mehr geliebt als seine Kinder. Unger bricht für alle seine Vorfahren das Schweigen und erzählt in fesselnder Sprache von den kleinen und großen Fehlern und dem Versagen seiner Angehörigen. Der Vorwurf wiegt schwer: Traumata seien nicht aufgearbeitet, sondern verschleppt und vererbt worden: Von der Kriegsgeneration an deren Kriegskinder bis hin zum ihm, dem Kriegsenkel, der in Bildern und Büchern die Scherben aufkehren muss (auch viele von Ungers Bildern wirken wie Scherben-Mosaike). In kurzen, nicht chronologisch angeordneten Kapiteln, die kollektiven Erinnerungsfetzen gleichen, wühlt sich Unger durch die einzelnen Episoden und Anekdoten seiner Familienvergangenheit. Dabei überlässt er es seinen Leserinnen und Lesern, sich ein Gesamtbild zu verschaffen – das macht die Lektüre nochmals lebendiger und spannender. Recht nüchtern berichtet Unger auch davon, dass er selbst kurz davor gewesen ist, auf die schiefe Bahn zu geraten. 

Nicht immer kann man sich des Eindrucks einer emotionalen Abrechnung erwehren. Das ist einerseits verständlich, andererseits scheinen manche angedeutete Zusammenhänge zwischen den Lebensgeschichten von drei Generationen etwas zu sehr aus der Gegenwart gedacht. Bis zum zweiten Weltkrieg hat jede Generation mindestens einen Krieg erlebt. Kriegserlebnisse wurden hingenommen. Eine professionelle psychologische Aufarbeitung ist nicht nur unüblich, sondern auch weitgehend unbekannt gewesen. Auch die beiden vorangegangenen Generationen, vor allem die Kriegskinder, sind in gewisser Weise Opfer. Ihre eigene Hilflosigkeit und Ohnmacht in Sachen Aufarbeitung – unter der sie wahrscheinlich selbst schwer gelitten haben - macht sie nicht zwingend zu verantwortlichen Mittätern. Das heißt nicht, dass die Kriegsenkel nicht auch ein schweres Päckchen zu tragen haben. Aber dieses Päckchen ist ihnen genauso ungerechterweise auferlegt worden, wie ihren Eltern (über die Verantwortung der Kriegsgeneration muss natürlich anders nachgedacht werden). Vielleicht hätte Raymond Unger etwas weniger in Kategorien von Schuld und Verantwortung denken können. Denn darauf aufmerksam zu machen, das längst nicht alle Wunden verheilt sind und dass es einer vernünftigen Aufarbeitung bedarf, ist ein großes Verdienst von Raymond Unger. Er hat ein heißes Eisen angepackt und auf berührende Art bearbeitet.

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