Rudolf Augstein: Der Mann hinter dem Spiegel

Rudolf Augsteins Büroleiterin Irma Nelles erinnert sich an den Spiegel-Herausgeber und zeigt männliches, allzu männliches...

Willy Brandt und Rudolf Augstein. Foto: B 145 Bild-F032086-0037 / Gathmann, Jens / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de
Willy Brandt und Rudolf Augstein. Foto: B 145 Bild-F032086-0037 / Gathmann, Jens / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de

Er hat Deutschland den Spiegel vorgehalten: Rudolf Augstein. Augstein hat den Mächtigen (im Bild: Bundeskanzler Willy Brandt) auf die Finger geschautSeit seinem Tod (2002) hat sich Der Spiegel  merklich eingetrübt. Dafür sorgt nun Augsteins ehemalige Büroleiterin Irma Nelles für einen unerwartet klaren Blick auf den Mann hinter dem Spiegel und zeigt viel männliches, allzu männliches...

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Rudolf Augstein ist ein journalistisches Denkmal. Er hat die kritische Berichterstattung kultiviert, existenzielle Kämpfe um Freiheit der Presse ausgefochten und dabei zeitweise seine eigene Freiheit verloren (mehr dazu siehe hier). Rudolf Augstein war fortschrittlich, wortgewandt und willensstark. Er war einer der ganz großen Meinungsmacher und ein Vorbild für viele idealistische Journalisten. Und jetzt kommt seine ehemalige Büroleiterin Irma Nelles mit einem Buch um die Ecke, das einen ganz anderen Rudolf Augstein zeigt: Einen einsamen, verzweifelten, ewig unzufriedenen Menschen, der Trost bei edlen Tropfen und schönen Frauen sucht. Irma Nelles drückt das nicht so verklemmt aus. In ihren Erinnerungen trinkt der Herausgeber "sehr gründlich" seine Bierflasche aus und ist enttäuscht, dass kein Nachschub mehr da ist. Augstein selbst thematisiert die Diagnose Alkohol-Sucht mit seiner Büroleiterin. Bei so viel Nähe wird auch Irma Nelles selbst zum Objekt der Augstein-Begierde: "Wir sollten jetzt endlich mal fieken" soll - so oder so ähnlich - der im Dienst um keine geschliffene Formulierung  verlegene Spitzenschreiber gefleht haben - mehr als einmal.

 

Rudolf Augstein (Foto: Spiegelgruppe/Pressefoto)
Rudolf Augstein (Foto: Spiegelgruppe/Pressefoto)

Mehr als einmal habe ich auch darüber nachgedacht, ob ich solche Enthüllungen nun gut oder schlecht finden soll. Eigentlich bin ich kein Freund von voyeuristischer Enthüllungsbiografik, wie sie beispielsweise Peter Siebenmorgen bei Augsteins Intimfeind Franz Josef Strauß versucht hat (erfolglos). Trotzdem fällt meine Antwort im Falle dieses Erinnerungsbuches etwas anders aus: Irma Nelles' unaufgeregten Umgang mit diesen Einblicken in Augsteins Gefühlswelt finde ich gut. Sie berichtet nicht um des Skandals willen und sie schreibt nicht erkennbar effekthascherisch. Sie hat Augstein eben so und nicht anders erlebt. Und so gibt sie nun Zeugnis von ihm. Nelles hat sich oft über Augstein gewundert - und sie hat ihn bewundert. Das steht zwischen den Zeilen und außer Zweifel. Irma Nelles vergisst auch nicht, das das Bild eines mitfühlenden Menschen zu zeichnen, der selbst mit Feinden trauern kann. Sehr persönlich nimmt Augstein Anteil am Tod der Frau von Franz Josef Strauß, den er ein ganzes Medienmacherleben bis aufs Messer bekämpft hat. Gerade deshalb können auch die teils sehr intimen Details, die Irma Nelles locker-lässig ausplaudert, nicht den Eindruck erwecken, dieses Buch sei eine Abrechnung oder ein Enthüllungsthriller. Viel eher ist es das wertvolle Dokument einer autobiografischen Verarbeitung: Seite für Seite atmet das Buch den Stolz einer selbstbewussten Frau, die sich im Schatten eines gleichermaßen genialen wie schwierigen Menschen nicht verloren hat. Wenn man es ganz streng nimmt, handelt es sich bei diesem außerordentlich lesenwerten Buch um eine Paarbiografie zweier Menschen die fast - aber eben nur fast - alles miteinander geteilt haben.

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Astrid Lindgren: Die Kinderbuch-Revoluzzerin

Astrid Lindgren hat Kinder zu Helden gemacht. Kein Wunder: Ihr Erwachsenenleben war nicht immer leicht. Ein Blick hinein...

Licensed under Public Domain
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Sie hat die klassische Kinderliteratur revolutioniert: Astrid Lindgren. Sie macht Schluss mit brutaler Abschreckung und Angstmacherei á la Struwwelpeter oder Max und Moritz. Ihre kindlichen Helden müssen ihre Lausbubenstreiche nicht mit dem Leben bezahlen. Pippi Langstrumpf und Ronja Räubertochter sind zwar genauso frech, aber immer liebenswert, guten Herzens - und den Erwachsenen meistens einen Schritt voraus. Dass Astrid Lindgren in ihren selbstständigen und auf sich gestellten Kinderfiguren ihre eigene innere Einsamkeit verarbeitet, merkt man ihnen kaum an. Ihrem Biografen bleibt es jedoch nicht verborgen - und auch ihre Kriegstagbücher sind vielsagend...

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Astrid Lindgren (Jahrgang 1907) ist keine geborene Schriftstellerin. Als Bauerstochter kann sie von Ruhm und Reichtum träumen. Dafür verlebt sie eine wunderbare Kindheit und Jugend auf dem Land. Vor allem ihre Kinder von Bullerbü sind literarische Kindheitserinnerungen. Ihr Arbeitsleben dreht sich dann allerdings von Anfang an ums Schreiben: Sie lektoriert bei einer Lokalzeitung und drauf und dran, selbst Journalistin zu werden. Dann hat eine Affäre mit dem noch verheirateten Chefredakteur Folgen: Lindgren ist schwanger und das geht gar nicht: Sie muss Hals über Kopf ihre ländliche Heimat verlassen, damit niemand sieht, was ja doch jeder weiß: Dass sie ein uneheliches Kind austrägt. Finanzieren muss sie weitgehend selbst. Sie jobbt als Stenographin und findet mehr als einen Brotberuf. Sie heiratet ihren Büroleiter Sture, der den unehelichen Sohn annimmt und mit Astrid eine Tochter hat. Das Familienglück hält nicht ewig: Sture ist untreu und richtet sich mit der Flache zugrunde. Astrid Lindgren ist allein auf sich gestellt. Sie kennt das schon: Im Krieg hat sie auch alles alleine machen müssen. Dabei hat sie sich nie aufgegeben, sondern immer nach vorne geschaut. Der Krieg offenbart auch erstmals die Genialität der Schriftstellerin Astrid Lindgren. Ihre Kriegstagebücher, die sie nur für sich schreibt, sind bewegende autobiografische Dokumente, die von den täglichen Sorgen, der Verzweiflung und der Hoffnung einer jungen Mutter erzählen. Ihr waches Interesse am Weltgeschehen, ihre immer umsichtigeren Einschätzungen und ihre wachsende innere Distanz zu allen Kriegsparteien zeigen sie ebenso wie der pragmatische Umgang mit Alltagsproblemen als starke und eigenständige Persönlichkeit. Als Hörbuch, gelesen von Eva Matthes, sind die Kriegstagebücher nochmals eindrücklicher.

Nach dem Krieg geht alles ganz schnell: Astrid Lindgrens Tochter ist krank und will die Geschichte einer gewissen Pippi Langstrumpf hören. Was als Gute-Laune-Geschichte für das kranke Mädchen beginnt, wächst sich zum dicken Manuskript aus. Aber noch ist der Durchbruch nicht geschafft. Erst nachdem sie mit einer anderen Geschichte einen Schreibwettbewerb gewinnt, bringt sie ihre Pippi bei einem kleinem Verlag unter, der sich damit saniert und gleich groß rauskommt. Lindgren schafft sich bei diesem Verlag ihre eigene Stelle im Lektorat für Kinderbücher. Vormittags schreibt sie zuhause ihre eigenen Geschichten, nachmittags erledigt sie für den Verlag die Korrespondenz rund um die geplanten Neuerscheinungen und abend liest die die eingereichten Manuskripte. So wird sie zur prägenden Figur einer zeitlosen Kinderliteratur, die bis heute Kassenschlager sind. Das liegt daran, dass Astrid Lindgren nicht nicht nur mit einer wunderbaren Fantasie gesegnet ist, sondern auch das richtige Näschen für Trends, Marketing und Vertriebswege hat. All das ist in der gut gemachten Biografie von Jens Andersen aufgeschlüsselt. Andersen erzählt gut - und er erzählt nicht nur Lindgrens Lebensgeschichte. Er bindet ihren persönlichen Werdegang und ihr literarisches Schaffen zusammen. Etwas schade ist, dass schriftstellerische Erfolg auf Kosten des Privatlebens geschildert wird. Denn bis ihrem Durchbruch mit Pippi Langstrumpf liegt der Schwerpunkt der Biografie auf dem dem Menschen Astrid Lindgren, danach fast nur noch auf der öffentlichen Person. Das kann den guten Gesamteindruck aber nicht schmälern. 

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Ein Schuppen voller Helden

Im Biografien-Blog wimmelt es von Helden. Im Sommer erzähle ich ihre Geschichten aus dem Heldenschuppen. Ein Blick hinein.

Sommerzeit ist Schuppenzeit. Dort, wo früher Sensen und Spaltäxte, Spaten und Vorschlaghämmer ihr Zuhause hatten, entstehen heute die Beiträge des Biografien-Blogs. Und weil es im Blog dauernd um Helden geht, heißt die urige Schreibwerkstatt Heldenschuppen. Tore auf!

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Eigentlich ist ein Schuppen kein guter Platz für Helden. Karg eingerichtet mit ausrangiertem Holzmobiliar, zugig, von Spinnenweben verhangen (und das sind nicht die einzigen tierischen Bewohner). Trotzdem gibt es für mich keinen schöneren Platz, um spannende Heldengeschichten zu erzählen. Vom Wetter gezeichnete Schwarzweiß-Fotografien sind die einzigen Schmuckstücke im Heldenschuppen. Von der windschiefen Bretterwand schaut mir diese illustre Runde über die Schultern. So leisten mir Helden aus dem Biografien-Blog Gesellschaft, wenn ich von ihnen erzähle. Der Heldenschuppen ist so eine Art Offline-Archiv des Biografien-Blogs. Zum Glück sind noch manche Stellen unbebildert und es gibt Platz für neue Heldengeschichte. Die jüngsten vier Blog-Beiträge findet ihr übrigens hier: Es geht in den Buchbesprechungen um eine Literatur-Latina, einen Schlossergesellen auf der Walz, um Goethes Schwester und um eine stimmgewaltige Bürgerrechtlerin...

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Victoria Ocampo: Literatur als Lebensentwurf

Victoria Ocampo liebt die Literatur und das Leben. Eine moderierte Autobiografie zeigt, wie gut das vereinbar ist.

Victoria Ocampo
Lizenziert unter Gemeinfrei

Das Buch ist ein Versuch: Ein Mischung aus Biografie und Autobiografie von und über Victoria Ocampo. Dieses ungewöhnliche Genre der moderierten Autobiografie wird der Literatur-Latina (Ocampo stammt aus Argentinien) voll gerecht. Erstes ist nichts an dieser Kulturmoderatorin gewöhnlich und zweitens schreibt die Dame von Welt zwar gut, aber zu viel: Bei gleich sechs Bänden Autobiografie könnte man Vicoria Ocampo überdrüssig werden - und das wäre schade.

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Victoria Ocampo (1890-1979) hat viel zu erzählen über ihr Leben für die Literatur: Sie ist in Argentinien aufgewachsen, wo ihre Eltern als Großgrundbesitzer das nötige Kleingeld haben, um sie bestens ausbilden zu lassen. Hauslehrerinnen wecken in ihr die Liebe zum Lesen. Veredelt wird ihr Literaturstudium in Paris und London. Aber gegen alle Erwartungen ist dieses kulturelle Rüstzeug nicht nur eine Mitgift für eine Hochzeit in einflussreiche Kreise. Ocampo heiratet zwar, aber die Ehe ist nichts für die Ewigkeit - anders als die geliebten Bücher:  Victoria Ocampo liest sich sozusagen heraus aus gesellschaftlichen Zwängen und dreht ihr eigenes Ding. Sie schreibt, gibt eine Zeitschrift heraus, netzwerkt mit den Größen der südamerikanischen und internationalen Literaturbranche, darunter José Ortega y Gasset und Virginia Woolf. Ocampo ist geschätze Gastgeberin und Beraterin. Sie vermittelt talentierte Schriftsteller nach Europa und ist eine der ersten Literaturagentinnen und Kulturvermittlerinnen. 

Victoria Ocampo im Biografien-Blog
Lizensiert unter Gemeinfrei

Zugegeben: Ich kannte Victoria Ocampo nicht, ehe sie mir aus dem Biografien-Regal entgegengepurzelt kam. Über ihren Einfluss kann man nur staunen. Sie ist wirkungsvoll und geheimnisvoll zugleich. In den sozialen Netzwerke wäre sie wohl ein Superstar gewesen: Eine Frau, die überall präsent ist und weiß, wie man sich in Szene, ohne allzuviel Persönliches von sich preiszugeben. Etwas Licht ins Dunkel des Privatlebens dieser beeindruckenden Persönlichkeit bringt Renate Kroll, die Victoria Ocampos gesammelte autobiografische Schriften ausgewertet, gekürzt und einfühlsam neu zusammengestellt hat.

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Das Wandern ist des Schlossers Lust

Der Schlossergeselle Franz Zschornack war drei Jahre auf Wanderschaft. Ein Erfahrungsbericht der anderen Art. 

Foto: Sigismund von Dobschütz. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0
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"Mach das nicht, Du wirst als Penner enden!" Die Freunde und Nachbarn meinen es gut mit Franz Zschornack. Der junge Schlossergeselle will auf die Walz, also durch die Welt wandern, überall seine Dienste anbieten und Lebenserfahrung sammeln. Jahrhundertelang hat dieser uralte Handwerker-Brauch ganz selbstverständlich dazugehört. Heute ist er irgendwie aus der Zeit gefallen, aber darum schert sich Franz Zschornack nicht. Er nagelt sein Handy an die Wand, klettert über das heimische Ortsschild - und wandert los.

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Man sieht sie nur noch selten, die jungen Kerle mit dem Zylinder, der schmalen, schwarzen Krawatte, und den schweren Lederhosen. Und wenn doch mal einer in der Kneipe um die Ecke aufschlägt und brav um eine Schlafecke bittet, dann wird er erst bestaunt und dann zum Selfie gebeten. Die Tippelbrüder werden als Freaks wahrgenommen. Völlig zu Unrecht! In einer Zeit, in der ständig nach der Rückbesinnung auf die guten alten Tugenden und Werte gerufen wird, sind die herumreisenden Handwerksgesellen meistens strahlende Vorbilder.

Denn die wohl wichtigste Regel schreibt den Wanderern vor, sich immer ehrbar und untadelig zu benehmen. Das kann ganz schön schwierig werden, wenn man einen Schlafplatz sucht oder einen Happen zu essen, ohne bezahlen zu können. Trotzdem ist es für die Tippelbrüder ungemein wichtig, auf jeder Station einen guten Eindruck zu hinterlassen, damit der nächste Geselle auf der Walz herzlich und wohlwollend aufgenommen wird. Deshalb darf auch nur wandern, wer ein sauberes Führungszeugnis vorlegen kann. Auch die weiteren Regeln, denen sich die Tippelbrüder für die Jahre der Wanderschaft unterwerfen, sind durchaus hart: Den Gesellenbrief müssen sie haben, ledig sein und kinderlos. Das macht Sinn, denn um ihre Heimat müssen sie auch einen weiten Bogen machen. Die meiste Zeit sind sie zu Fuß oder als als Tramper unterwegs.

Die Jahre auf der Walz sind eine echte biografische Reifeleistung - heute mehr als in früheren Zeiten, denn kaum noch jemand kennt die Bräuche und Gepflogenheiten, die es den fahrenden Gesellen seit dem Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert leicht gemacht haben, schnelle und kurzfristige Arbeit zu finden. Franz Zschornack hält sich trotzdem für einen "Franz im Glück". Er hat seine Jahre auf der Wanderschaft vielleicht nicht immer im ersten Erleben genossen, aber die Erfahrung will er nicht mehr missen. Im Gegenteil: Er teilt die Erfahrungen und hat mit journalistischer Unterstützung einen spannenden, lehrreichen und unterhaltsamen Reisebericht geschrieben, der geschickt biografische Eigenheiten mit der Welt der Tippelbrüder verwebt und einem traditionsreichen Brauch zu neuer Aufmerksamkeit verhilft.

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