Weimar: Ein biografisches Puzzle

Weimar kennt die deutsche Kultur mit ihren Höhepunkten und Abgründen. Ein biografisches Puzzle zeigt das ganze Bild.

Weimar ist ein deutscher Sehnsuchtsort. Quer durch die Jahrhunderte haben sich hier Geist und Genie, Macht und Muse tief in die Augen geblickt. Weimar ist die Wiege der deutschen Klassik: Hier haben Goethe und Schiller ihre Werke und damit Weltgeschichte geschrieben. Weimar ist aber auch Schauplatz des schrecklichsten Verbrechens der Weltgeschichte: In Buchenwald haben die Nazis ein Konzentrationslager errichtet. Ein biografisches Puzzle zeigt uns ein Gesamtbild der wechselvollen Stadt- und Kulturgeschichte..

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Das Buch über Weimarer Persönlichkeiten ist kein klassischer biografischer Sammelband. Vielmehr handelt es sich hier um ein Lexikon zum Durchblättern und Staunen, zum Schmökern und zum Anlesen. Die einzelnen Kurzbiografien sind selten ausführlicher als eine der über 350 Seiten. Vielmehr sind hier zwischen ansprechend gestalteten Buchdeckeln  biografische Schnipsel versammelt. Das klingt vielleicht nach Unordnung und Durcheinander. Ein bisschen ist das auch so. Die einzige Sortierung ist die alphabetische Reihenfolge. Wer das Buch von vorne nach hinten durchblättert, der wird sich möglicherweise verirren in all den Malern und Musikern, Schriftstellern und Philosophen, Wissenschaftlern und Theologen, Politikern und Geschäftemachern. Aber das würde diesem Persönlichkeiten nicht gerecht. Alle diese winzigen Portraits gleichen Puzzleteilen. Wer es vermag, diese Teile zu sortieren und richtig zusammenzusetzen, dem zeigt der Sammelband ein wunderschönes Gesamtbild deutscher Kulturgeschichte. Das ist eine nette Herausforderung für die Leserinnen und Leser, die dafür mit mancher Überraschung belohnt werden.

Victoria Ocampo im Biografien-Blog
Weimar (© R.Möhler, Lizenz: CC BY-SA 3.0)

Die Randteile des Weimar-Puzzles findet man schnell: die Goethes und Schillers eben. Aber richtig spannend ist es, die Innenteile zu entdecken und dabei unerwartete Zusammenhänge zu erkennen. Der spätere Nazi-Innenminister Wilhelm Frick hat ausgerechnet in Weimar als thüringischer Minister für Inneres und Volksbildung den rassistischen Erlass "Wider die Negerkultur - für deutsches Volkstum" befohlen und damit auch die offene deutsche Kultur schwer getroffen. Oder Johanna Schopenhauer, die Mutter des Philosophen: Sie hat in Weimar einen Salon unterhalten, in dem sich die geistige Elite getroffen hat. In Weimar schließlich ist Friedrich Nietzsche gestorben, langsam und qualvoll. Ganz anders ergeht es den Lesern dieses biografischen Puzzles: Diese Lektüre ist geradezu belebend (zumindest für den Geist). 

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Napoleon Bonaparte: Der Kaiser aus Korsika

Der Eroberer Europas kommt aus Korsika. Dort feiert man ihn bis heute. Eine biografische Ortsbegehung...

Vivienne Westwood im Biografien-Blog (Manfred Werner/Tsui, CC BY-SA 3.0)
Vivienne Westwood im Biografien-Blog (Manfred Werner/Tsui, CC BY-SA 3.0)

Alles in Ajaccio heißt Napoleon. Die korsische Hauptstadt liebt und feiert ihren berühmtesten Sohn: Der Flughafen heißt Napoleon, Bars und Restaurants, Straßen und Plätze, Friseurssalons und Eisdielen tragen seinen Namen. Napoleon ist allgegenwärtig. Dabei ist er (fast) ganz und gar untypisch für die wild-romantische Mittelmeerinsel...

Korsika hat viel zu bieten: weiße Sandstrände, dichte Wälder, mächtige Berge. Eine VIP-Schmiede ist die Insel der Schönheit nur bedingt: Ihr Beitrag zur Weltgeschichte verdichtet sich in einem kleinen, unförmigen und missmutigen Mann mit schütterem Haar: Napoleon Bonaparte. Auch charakterlich und von seinen Begabungen her ist Napoleon kein typischer Korse: Er ist  von unruhigem, getriebenem Gemüt, dazu ehrgeizig und skrupellos, mutig und machthungrig. Seine Karriere verläuft steil: Der korsische Offiziersanwärter schafft es mit einem nahezu genialen militärischen Gespür (zum Beispiel für den Einsatz von Kanonen) zum General. Er dient der französischen Revolution, die für Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit kämpft. Er beendet die Revolution und baut auf, was sie hatte überwinden wollen: Die Alleinherrschschaft eines Mannes. Erst als mehr oder minder demokratisch legitimierter Konsul, dann als Kaiser von eigenen Gnaden.

Napoleon revolutioniert andere Dinge: Die Verwaltung wird moderner, die Armee schlagkräftiger (fast unbesiegbar) und Europa wird erst französischer, dann europäischer: Napoleon ist mehr als der Eroberer Europas, der sich mit allen anderen Großmächten (meist) erfolgreich angelegt hat. Er ist  in gewisser Weise auch ein Geburtshelfer Europas. Denn im Aufbegehren gegen seine Übermacht rückt der Rest Europas zusammen.  Nur mit vereinten Kräften kann Napoleon geschlagen werden. Er selbst stirbt in der Verbannung. Gefeiert wird dann auch eher der Mythos als der Mann. Denn wie sonst sollte ein so stolzes und freiheitsliebendes Volk wie die Korsen einen Autokraten wie Napoleon auf den Schild heben? Besonders nett ist in Ajaccio übrigens eine kleine Bar am Marktplatz. Sie heißt 1er CONSUL und feiert den Demokraten und Befreier Napoleon , nicht den späteren Despoten und Unterdrücker.

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Rudolf Augstein: Der Mann hinter dem Spiegel

Rudolf Augsteins Büroleiterin Irma Nelles erinnert sich an den Spiegel-Herausgeber und zeigt männliches, allzu männliches...

Willy Brandt und Rudolf Augstein. Foto: B 145 Bild-F032086-0037 / Gathmann, Jens / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de
Willy Brandt und Rudolf Augstein. Foto: B 145 Bild-F032086-0037 / Gathmann, Jens / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de

Er hat Deutschland den Spiegel vorgehalten: Rudolf Augstein. Augstein hat den Mächtigen (im Bild: Bundeskanzler Willy Brandt) auf die Finger geschautSeit seinem Tod (2002) hat sich Der Spiegel  merklich eingetrübt. Dafür sorgt nun Augsteins ehemalige Büroleiterin Irma Nelles für einen unerwartet klaren Blick auf den Mann hinter dem Spiegel und zeigt viel männliches, allzu männliches...

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Rudolf Augstein ist ein journalistisches Denkmal. Er hat die kritische Berichterstattung kultiviert, existenzielle Kämpfe um Freiheit der Presse ausgefochten und dabei zeitweise seine eigene Freiheit verloren (mehr dazu siehe hier). Rudolf Augstein war fortschrittlich, wortgewandt und willensstark. Er war einer der ganz großen Meinungsmacher und ein Vorbild für viele idealistische Journalisten. Und jetzt kommt seine ehemalige Büroleiterin Irma Nelles mit einem Buch um die Ecke, das einen ganz anderen Rudolf Augstein zeigt: Einen einsamen, verzweifelten, ewig unzufriedenen Menschen, der Trost bei edlen Tropfen und schönen Frauen sucht. Irma Nelles drückt das nicht so verklemmt aus. In ihren Erinnerungen trinkt der Herausgeber "sehr gründlich" seine Bierflasche aus und ist enttäuscht, dass kein Nachschub mehr da ist. Augstein selbst thematisiert die Diagnose Alkohol-Sucht mit seiner Büroleiterin. Bei so viel Nähe wird auch Irma Nelles selbst zum Objekt der Augstein-Begierde: "Wir sollten jetzt endlich mal fieken" soll - so oder so ähnlich - der im Dienst um keine geschliffene Formulierung  verlegene Spitzenschreiber gefleht haben - mehr als einmal.

 

Rudolf Augstein (Foto: Spiegelgruppe/Pressefoto)
Rudolf Augstein (Foto: Spiegelgruppe/Pressefoto)

Mehr als einmal habe ich auch darüber nachgedacht, ob ich solche Enthüllungen nun gut oder schlecht finden soll. Eigentlich bin ich kein Freund von voyeuristischer Enthüllungsbiografik, wie sie beispielsweise Peter Siebenmorgen bei Augsteins Intimfeind Franz Josef Strauß versucht hat (erfolglos). Trotzdem fällt meine Antwort im Falle dieses Erinnerungsbuches etwas anders aus: Irma Nelles' unaufgeregten Umgang mit diesen Einblicken in Augsteins Gefühlswelt finde ich gut. Sie berichtet nicht um des Skandals willen und sie schreibt nicht erkennbar effekthascherisch. Sie hat Augstein eben so und nicht anders erlebt. Und so gibt sie nun Zeugnis von ihm. Nelles hat sich oft über Augstein gewundert - und sie hat ihn bewundert. Das steht zwischen den Zeilen und außer Zweifel. Irma Nelles vergisst auch nicht, das das Bild eines mitfühlenden Menschen zu zeichnen, der selbst mit Feinden trauern kann. Sehr persönlich nimmt Augstein Anteil am Tod der Frau von Franz Josef Strauß, den er ein ganzes Medienmacherleben bis aufs Messer bekämpft hat. Gerade deshalb können auch die teils sehr intimen Details, die Irma Nelles locker-lässig ausplaudert, nicht den Eindruck erwecken, dieses Buch sei eine Abrechnung oder ein Enthüllungsthriller. Viel eher ist es das wertvolle Dokument einer autobiografischen Verarbeitung: Seite für Seite atmet das Buch den Stolz einer selbstbewussten Frau, die sich im Schatten eines gleichermaßen genialen wie schwierigen Menschen nicht verloren hat. Wenn man es ganz streng nimmt, handelt es sich bei diesem außerordentlich lesenwerten Buch um eine Paarbiografie zweier Menschen die fast - aber eben nur fast - alles miteinander geteilt haben.

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Astrid Lindgren: Die Kinderbuch-Revoluzzerin

Astrid Lindgren hat Kinder zu Helden gemacht. Kein Wunder: Ihr Erwachsenenleben war nicht immer leicht. Ein Blick hinein...

Licensed under Public Domain
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Sie hat die klassische Kinderliteratur revolutioniert: Astrid Lindgren. Sie macht Schluss mit brutaler Abschreckung und Angstmacherei á la Struwwelpeter oder Max und Moritz. Ihre kindlichen Helden müssen ihre Lausbubenstreiche nicht mit dem Leben bezahlen. Pippi Langstrumpf und Ronja Räubertochter sind zwar genauso frech, aber immer liebenswert, guten Herzens - und den Erwachsenen meistens einen Schritt voraus. Dass Astrid Lindgren in ihren selbstständigen und auf sich gestellten Kinderfiguren ihre eigene innere Einsamkeit verarbeitet, merkt man ihnen kaum an. Ihrem Biografen bleibt es jedoch nicht verborgen - und auch ihre Kriegstagbücher sind vielsagend...

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Astrid Lindgren (Jahrgang 1907) ist keine geborene Schriftstellerin. Als Bauerstochter kann sie von Ruhm und Reichtum träumen. Dafür verlebt sie eine wunderbare Kindheit und Jugend auf dem Land. Vor allem ihre Kinder von Bullerbü sind literarische Kindheitserinnerungen. Ihr Arbeitsleben dreht sich dann allerdings von Anfang an ums Schreiben: Sie lektoriert bei einer Lokalzeitung und drauf und dran, selbst Journalistin zu werden. Dann hat eine Affäre mit dem noch verheirateten Chefredakteur Folgen: Lindgren ist schwanger und das geht gar nicht: Sie muss Hals über Kopf ihre ländliche Heimat verlassen, damit niemand sieht, was ja doch jeder weiß: Dass sie ein uneheliches Kind austrägt. Finanzieren muss sie weitgehend selbst. Sie jobbt als Stenographin und findet mehr als einen Brotberuf. Sie heiratet ihren Büroleiter Sture, der den unehelichen Sohn annimmt und mit Astrid eine Tochter hat. Das Familienglück hält nicht ewig: Sture ist untreu und richtet sich mit der Flache zugrunde. Astrid Lindgren ist allein auf sich gestellt. Sie kennt das schon: Im Krieg hat sie auch alles alleine machen müssen. Dabei hat sie sich nie aufgegeben, sondern immer nach vorne geschaut. Der Krieg offenbart auch erstmals die Genialität der Schriftstellerin Astrid Lindgren. Ihre Kriegstagebücher, die sie nur für sich schreibt, sind bewegende autobiografische Dokumente, die von den täglichen Sorgen, der Verzweiflung und der Hoffnung einer jungen Mutter erzählen. Ihr waches Interesse am Weltgeschehen, ihre immer umsichtigeren Einschätzungen und ihre wachsende innere Distanz zu allen Kriegsparteien zeigen sie ebenso wie der pragmatische Umgang mit Alltagsproblemen als starke und eigenständige Persönlichkeit. Als Hörbuch, gelesen von Eva Matthes, sind die Kriegstagebücher nochmals eindrücklicher.

Nach dem Krieg geht alles ganz schnell: Astrid Lindgrens Tochter ist krank und will die Geschichte einer gewissen Pippi Langstrumpf hören. Was als Gute-Laune-Geschichte für das kranke Mädchen beginnt, wächst sich zum dicken Manuskript aus. Aber noch ist der Durchbruch nicht geschafft. Erst nachdem sie mit einer anderen Geschichte einen Schreibwettbewerb gewinnt, bringt sie ihre Pippi bei einem kleinem Verlag unter, der sich damit saniert und gleich groß rauskommt. Lindgren schafft sich bei diesem Verlag ihre eigene Stelle im Lektorat für Kinderbücher. Vormittags schreibt sie zuhause ihre eigenen Geschichten, nachmittags erledigt sie für den Verlag die Korrespondenz rund um die geplanten Neuerscheinungen und abend liest die die eingereichten Manuskripte. So wird sie zur prägenden Figur einer zeitlosen Kinderliteratur, die bis heute Kassenschlager sind. Das liegt daran, dass Astrid Lindgren nicht nicht nur mit einer wunderbaren Fantasie gesegnet ist, sondern auch das richtige Näschen für Trends, Marketing und Vertriebswege hat. All das ist in der gut gemachten Biografie von Jens Andersen aufgeschlüsselt. Andersen erzählt gut - und er erzählt nicht nur Lindgrens Lebensgeschichte. Er bindet ihren persönlichen Werdegang und ihr literarisches Schaffen zusammen. Etwas schade ist, dass schriftstellerische Erfolg auf Kosten des Privatlebens geschildert wird. Denn bis ihrem Durchbruch mit Pippi Langstrumpf liegt der Schwerpunkt der Biografie auf dem dem Menschen Astrid Lindgren, danach fast nur noch auf der öffentlichen Person. Das kann den guten Gesamteindruck aber nicht schmälern. 

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Ein Schuppen voller Helden

Im Biografien-Blog wimmelt es von Helden. Im Sommer erzähle ich ihre Geschichten aus dem Heldenschuppen. Ein Blick hinein.

Sommerzeit ist Schuppenzeit. Dort, wo früher Sensen und Spaltäxte, Spaten und Vorschlaghämmer ihr Zuhause hatten, entstehen heute die Beiträge des Biografien-Blogs. Und weil es im Blog dauernd um Helden geht, heißt die urige Schreibwerkstatt Heldenschuppen. Tore auf!

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Eigentlich ist ein Schuppen kein guter Platz für Helden. Karg eingerichtet mit ausrangiertem Holzmobiliar, zugig, von Spinnenweben verhangen (und das sind nicht die einzigen tierischen Bewohner). Trotzdem gibt es für mich keinen schöneren Platz, um spannende Heldengeschichten zu erzählen. Vom Wetter gezeichnete Schwarzweiß-Fotografien sind die einzigen Schmuckstücke im Heldenschuppen. Von der windschiefen Bretterwand schaut mir diese illustre Runde über die Schultern. So leisten mir Helden aus dem Biografien-Blog Gesellschaft, wenn ich von ihnen erzähle. Der Heldenschuppen ist so eine Art Offline-Archiv des Biografien-Blogs. Zum Glück sind noch manche Stellen unbebildert und es gibt Platz für neue Heldengeschichte. Die jüngsten vier Blog-Beiträge findet ihr übrigens hier: Es geht in den Buchbesprechungen um eine Literatur-Latina, einen Schlossergesellen auf der Walz, um Goethes Schwester und um eine stimmgewaltige Bürgerrechtlerin...

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